Fundstück/KOSTÜM

Mode sans Frontières. Ulyana Sergeenkos Hommage an Sergej Parajanov

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Filmische Visionen, gewebt aus einer Abfolge allegorischer Tableaux: Still aus DIE FARBE DES GRANATAPFELS (1969)

In der zu Jahresbeginn abgehaltenen Pariser Haute Couture Woche stach aus cinephiler Sicht ein Défilé heraus: Ulyana Sergeenko widmete ihre Sommerkollektion für 2015 dem einst der kommunistischen Kulturrepression zum Opfer gefallenen armenischen Regisseur Sergej Parajanov (1924-1990) und dessem surrealen Werk DIE FARBE DES GRANATAPFELS (1969), einer Filmbiographie über den frühneuzeitlichen armenischen Poeten Sayat Nova.

Von Waleria Dorogova

Parajanovs Film ist in erster Linie an der Vita des Dichters orientiert, verfügt aber nicht über eine herkömmliche filmische Narrationdie durch Aktionsszenen oder Dialoge aufgebaut wird. Es handelt sich hier um ein biopic der anderen Art, das in einer annähernd 80-minütigen Abfolge assoziativer Tableaux vivants, die als kunstvoll arrangierte und bewegte Kollagen häufig einen rituellen Charakter aufweisen, die verschiedenen Lebensphasen des Poeten – von der Kindheit bis zu seinem Tod – visualisiert. Akustisch werden diese symbolträchtigen Bilder der inneren Lebenswelt Novas nur durch seine Verse und Lautenklänge begleitet. In der Einzelwirkung dieser kurzen szenischen Arrangements werden das individuelle ästhetischen Empfinden des Regisseurs und seine kulturellen Wurzeln in der Bilderwelt eines mystifizierten Kaukasus sichtbar. Dass ein beträchtlicher Wert in der bloßen Bildmächtigkeit dieser filmischen Visionen liegt, daran hatten auch Regiekollegen wie Michelangelo Antonioni oder Andrej Tarkowski keinen Zweifel, die Parajanovs Arbeit auch aufgrund ihres rein visuellen Erlebnisses schätzten.

Sofiko

Statuarische Schönheit: Sofiko Chiaureli in DIE FARBE DES GRANATAPFELS (1969)

Das Meritum der Ausstattung liegt unzweifelhaft auch in Reichtum und Schönheit der Textilien und Gewänder, die nun die Überleitung zur aktuellen Kollektion von Ulyana Sergeenko herstellen. Ähnlich wie Parajanov liegt ihrem Werk zumeist eine nationale Perspektive zugrunde: In Kasachstan aufgewachsen, verarbeitet Sergeenko die ethnographisch enorm diverse Kultur und Folklore der ehemals als Sowjetunion verbundenen Regionen auf unkonventionelle, unplakative und poetische Art. Beide, Parajanov wie Sergeenko, sind zudem als Verehrer von Michail Lermontovs Dichtungen um die Schönheit der kaukasischen Gebirge bekannt.

Der Kaukasus, das heißt Armenien und Georgien, liefern Ulyana Sergeenko ihre reiche Tradition der regionalen Stickerei und Webkunst, deren Motivrepertoire sie auf handwerklich hoch ambitionierte, überragend konstruierte Kleider zu projizieren vermag. Die Kollektion ist voller visueller Referenzen zu Parajanovs SAYAT NOVA: Vom blaugestreiften Gewand des jungen Poeten über das weiße Spitzenband, welches die atemberaubend schöne Sofiko Chiaureli rätsel- und maskenhaft vor ihrem Gesicht entlangführt und die weißen Hühnerfedern, die im Moment seines Todes auf den Dichter niederfallen. Die Silhouette der Kollektion hingegen ist weniger von Parajanovs Film inspiriert, sondern erinnert vielmehr an die Uniformen kaukasischer Kosaken und die nationale Tracht der Kaukasusvölker.

Sergeenko

Verarbeitete Filmgeschichte: Drei Looks aus Ulyana Sergeenkos Haute Couture Kollektion Frühjahr/Sommer 2015 (Fotos: Tess Feuilhade)

Sergeenko verzichtete auf den konventionellen Laufsteg und stellte die Kollektion in der privaten Atmosphäre einer mit Granatäpfeln und armenischen Teppichen ausstaffierten Suite im Pariser Hotel Bristol vor. In den sozialen Medien fiel dabei seitens des jungen Moskauer Couturehauses häufig die Parole „Druzhba Narodov“: „Freundschaft der Völker“. Gemeint ist damit die Freundschaft der Völker der UdSSR – ein ideologischer Leitspruch, der in den betroffenen Regionen jahrzehntelang besungen, propagiert und in Stein gemeißelt wurde. Für Parajanov hingegen erwies sich die Sowjetunion in erster Linie als Ort privater und künstlerischer Unterdrückung. Aufgrund seiner Filme erhielt der Regisseur von der Regierung eine mehrjährige Haftstrafe, schließlich wurde sein filmisches Meisterwerk sogar vom sowjetischen Kulturministerium in DIE FARBE DES GRANATAPFELS umbenannt, nachdem der Originaltitel SAYAT NOVA verboten und der Film massiv modifiziert worden war (die Erstfassung gilt heute als verloren). Nach einem fünfzehn Jahre währenden Verbot durfte der 1969 fertiggestellte Film im Jahr 1984 seine Premiere feiern, zu diesem Zeitpunkt hatte Parajanov bereits seine Haft im Gulag abgesessen und war mit einem Berufsverbot belegt worden. Unser westliches, freiheitliches Denken gestattet uns nur ein begrenztes Ermessen der damaligen Problematisierung seiner Filme, deren surrealer Charakter und religiöses Sentiment den sozialistischen Realisten im Besonderen missfielen. Ulyana Sergeenko genießt das Privileg, unter deutlich freieren Voraussetzungen arbeiten zu dürfen. Der gedankliche Stützpunkt ihrer Kollektion „Druzhba Narodov“ – die Freundschaft Russlands zu seinen benachbarten Schwesternstaaten – ist dabei jedoch ein Desiderat, das dringend wieder in die politische Realität der ehemaligen Sowjetrepubliken einkehren muss, nicht nur um der Freiheit der Künste Willen.

Цвет граната (Zwet Granata, dt.: Die Farbe des Granatapfels), UdSSR 1969 (Erstaufführung: Herbst 1984), Regie, Buch und Schnitt: Sergej Parajanov, Kamera: Suren Schachbasjan, Musik: Tigram Mansurjan, mit Sofiko Tschiaureli (Der jugendliche Poet, Die Liebe des Poeten, Die Muse des Poeten, Der Engel der Auferstehung), Melkon Alekyan (Der Poet als Kind), Vilen Galstyan (Der Poet als Mönch), Georgi Gegechkori (Der Poet als Alter Mann)

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