Fundstück/Kritik/REGIE

Schwarz, schwärzer, tiefschwarz. Jonathan Glazers UNDER THE SKIN

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Stille Wasser sind hier gefährlich tief: Scarlett Johansson als verführerischer Fremdling. Screenshot aus UNDER THE SKIN (© Senator)

Lange Zeit sah es so aus, als würde dieser Film sein Dasein allein auf Filmfestivals fristen. Immer wieder wurde sein deutscher Starttermin verschoben und schließlich sollte er sogar ohne Umwege direkt auf den DVD-Markt geschleust werden. Schlussendlich öffneten ihm einige um die Filmkunst bemühte Fans und Programmkinobetreiber doch noch die Türen. UNDER THE SKIN zählt zweifellos zu den innovativsten und sinnlich überwältigsten Filmen dieses Jahres. Nun wollten auch wir wissen, was es mit der dunklen Anziehungskraft dieses Werks auf sich hat.

Von Philipp Scheid

Wahre Filmkunst geht nicht spurlos am Zuschauer vorüber. Meist erfüllt uns im Anschluss eine Melange unterschiedlicher Gefühlseindrücke, als sei der Film eigentlich nichts anderes als eine schwer fassbare Essenz, die erst im Schwarz des Abspanns den Bildern abgepresst wird und in alle Poren unseres Körpers dringt. Dieses Phänomen könnte man als „Stimmung“ bezeichnen, als Grundierung oder auch als somatisches Erlebnis der Filmbetrachtung. Stimmungen zu beschreiben aber erfordert poetisches Geschick. Attribute gehören seit jeher zu den Wortwerkzeugen, die dieser unvermeidlichen Aufgabe eines Rezensenten am dienlichsten sind. So nenne ich dieses Werk dunkel, kalt, feucht, zäh, fahl – und anziehend. Kurz: delightful horror.

UNDER THE SKIN beginnt mit einer Transformation: aus abstrakten, geometrischen Gebilden entsteht schrittweise eine menschliche Iris. Das Sehen als (trügerisches) Motiv wird den Film fortan begleiten, so wie es stets der Fall zu sein scheint, wenn uns ein Auge am Eingang eines Films erwartet – man denke nur an den berühmten, von Saul Bass entworfenen Titelvorspann zu Hitchcocks VERTIGO (1958). Wir wissen, dass mit diesem Auge immer auch das technische Oculus der Kamera gemeint ist, dass also nicht nur ein Lebewesen hier die Augen aufschlägt, sondern ebenso der Film. Das Auge scheint jener jungen, schwarzhaarigen Frau (Scarlett Johansson) zu gehören, die bald darauf zu sehen ist, wie sie den Leichnam einer anderen Frau auszieht und sich ihre Kleider überstreift. Die Lichtflecken, die am nächtlichen Firmament zirkulieren, und die schier unermessliche Weite des weißen ‚Un-Raums‘, in dem sich diese Verwandlung vollzieht, sind bereits die ersten Risse in der Oberfläche des Films. Etwas Rätselhaftes, Unerklärliches schimmert durch sie hindurch. Die Metamorphose nimmt seinen Lauf, als sich die Frau im Einkaufszentrum einen Mantel und einen roten Lippenstift besorgt. Alsbald wird deutlich, dass sie eine Venus im Pelz vorstellt, eine Raubkatze, die des Nachts mit ihrem Van durch die Straßen von Edinburgh pirscht, am Wegesrand ihre männliche Beute aufliest – all dies gefilmt mit einer verstecken Kamera – und sie zuletzt hinter einem unverkennbar phallischen Toreingang in das tiefste Schwarz eines zähflüssigen, tödlichen Sees lockt.

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Wer den Reizen der schwarzen Witwe verfällt, ist dazu verdammt, als körperlose Hülle durch einen endlosen schwarzen Ozean zu treiben. Screenshot aus UNDER THE SKIN (© Senator)

Das ist die eine, die hinlänglich kolportierte Seite des Films: Die Johansson als menschenfressender Alien – ein Männer(alp)traum. Diese Lesart aber verdankt sich mehr noch der überspitzten Lektüre von Michel Fabers im Jahr 2000 erschienener Buchvorlage, die im Deutschen den gar nicht so unzutreffenden Titel Die Weltenwanderin trägt. Das eigentliche Faszinosum aber entfaltet sich erst in der zweiten Hälfte, als die routinierte Opfersuche durchbrochen wird und der Film sich als große Geschichte einer Flucht entpuppt. Immer häufiger treffen nun die Blicke der Frau in allerlei Spiegel. Zunächst ist es nur das Augenpaar, welches der Rückspiegel des Autos erwidert, später, als sie vor einem lebensgroßen Ankleidespiegel steht, ist es der nackte Körper, der gemustert wird wie ein neues Kleidungsstück. Großartig vor allem die Szenen, in denen dieses vorwiegend stumme Wesen, das nur ein begrenztes Repertoire von (einstudierten? abgeschauten?) Sätzen hervorbringt, ihren Körper zu ‚aktivieren‘ versucht. Zuerst, indem sie sich ein Stück Sahnetorte einverleibt und später, als sie ihre Libido am Körper eines fürsorglichen Mannes entzünden möchte – beide Male grotesk scheiternd.

Auch wenn der Schluss keinen Zweifel lässt, dass hier etwas Ungeheuerliches geschieht, so ist UNDER THE SKIN nur ein äußerst rudimentärer Sci-Fi-Film. Johansson verkörpert einen „Alien“ nicht so sehr als Außerirdische, sondern eher im ursprünglichen Wortsinn als eine ganz und gar Fremde. Erst als sie ihre eigentliche ‚Mission‘ verrät, keimt in ihr der Wunsch, diese fremde Welt zu erleben. Doch was sie entdeckt, sind vornehmlich die seelischen und physiognomischen Deformationen einer ihr unbekannten Spezies, ist aber auch die Natur dieses Planeten, in dem sie sich nur für kurze Zeit einnisten kann wie in einen Kokon. Immer wieder gibt uns der Kameramann Dan Landin die Möglichkeit, die schottische Landschaft mit anderen Augen zu sehen. Ein äußerlich wie innerlich kaltes Milieu wird da gezeichnet. Es ist nicht das schmeichelhafteste Bild unserer Welt, das der Film durch den Blick dieser Welt-Fremden wahrnimmt.

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Phantasie einer Einheit von Mensch und Natur. Doch die Geborgenheit durch die schottischen Wälder währt nicht lange. Screenshot aus UNDER THE SKIN (© Senator)

Für das verstörende Erlebnis des Films ist auch die geradezu synästhetische Wirkung der Musik verantwortlich. Bevor Regisseur Jonathan Glazer mit SEXY BEAST (2000) seine Karriere als Spielfilmregisseur begann, übte er sich bereits in einer anderen lyrischen Gattung des Films: dem Musikvideo (von ihm stammen etwa die Clips zu Cosmic Girl von Jamiroquai oder zu Karma Police von Radiohead). Auch in UNDER THE SKIN ist das Gespür des Regisseurs für den Rythmus von Bild und Musik bemerkbar. Mica Levis sensationellem Score, der wahrlich den Vergleich mit Györgi Ligetis Kompositionen in Kubricks 2001 (1968) oder den berühmten Synthesizer-Klängen für CLOCKWORK ORANGE (1971) nicht zu scheuen braucht, gelingt es in seinen dissonanten, verzerrten Stimmen geradezu kongenial, das omnipräsente Schwarz prismatisch aufzubrechen und in allen Facetten akustisch darzustellen. An der Produktion der oben genannten Gefühlsgemengelage, mit der der Besucher aus dem Lichtspielhaus in die dunkle Nacht entlassen wird, hat die Musik vermutlich den größten Anteil.

Stell dir vor, es gibt Filmkunst, und niemand geht hin. War dieses Zwitterwesen aus Experimental- und Spielfilm, dem wir nicht nur aus farbdramaturgischen Erwägungen wünschen möchten, auch einmal im white cube eines Kunstmuseums gezeigt zu werden, tatsächlich „zu experimentell fürs Kino?“ (Katrin Nussmeyr in Die Presse). Film, das steht fest, ist Business. Dass der ursprüngliche Verleiher Senator aber aus Vorsicht vor Verlusten einen Rückzieher machte, wäre auch deshalb bedauerlich gewesen, weil er uns beinahe um das Erlebnis gebracht hätte, diesen Film im Kino zu sehen. Sind wir also wirklich schon im postkinematografischen Zeitalter angekommen,  fragt man sich da mit Verweis auf Lars Henrik Gass‘ Buch Film und Kunst nach dem Kino (2012). Allein der Initiative von Kinobetreibern und Facebook-Aktivisten („Under the Skin im dt. Kino, jetzt!“) war es letztlich zu verdanken, dass der Film abseits der Festivals nun auch in einigen ausgewählten Spielstätten zu sehen ist. Ein Pyrrhussieg? Mag sein, aber das richtige Signal. Wer ihn nun doch sehen will, diese schwarze Perle, sollte sich darauf gefasst machen, für ein paar Tage oder Wochen aus dem dunklen See, der sich unter der Haut auftut, nicht mehr aufzutauchen.

Under the Skin, GB 2013, Regie: Jonathan Glazer, Kamera: Dan Landin, Schnitt: Paul Watts, Musik: Mica Levi, mit Scarlett Johansson, Adam Pearson, Paul Brannigan u. a.

Ob ein Kino aus eurer Nähe UNDER THE SKIN zeigt, erfahrt ihr auf der Homepage des Films.

Der Film ist bereits als Blu-Ray und DVD bei Senator erschienen.

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