Fundstück/Kritik/REGIE

Lob der Liebe. Ein Plädoyer für Terrence Malicks TO THE WONDER

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Momente der Verbundenheit: Neil (Ben Affleck) und Marina (Olga Kurylenko), Szenenfoto für TO THE WONDER (© Redbud Pictures)

Terrence Malick gilt als medienscheuer Regisseur, seine Werke, von denen er bislang sechs im Laufe seiner langen Karriere geschaffen hat, aber als umso beredter. Dass der Filmemacher nach langen Schaffenspausen von bis zu 20 Jahren (zwischen DAYS OF HEAVEN und THE THIN RED LINE) nun in immer kürzeren Intervallen Spielfilme produziert, ist für die einen zum Segen, für die anderen zum Fluch geworden. Vor allem die Kritiker, darunter auch abtrünnige Fans, stoßen sich seit THE TREE OF LIFE an der vermeintlichen Manieriertheit und Prätention seiner jüngsten Arbeiten. Vielleicht ist dies der Grund dafür, dass seinem letzten Film TO THE WONDER von der Fachpresse wie auch von den hiesigen Kinobetreibern nur wenig Aufmerksamkeit entgegengebracht wurde. Das sollte sich ändern, denn wer genau hinsieht, wird viel Vertrautes, aber auch einiges Neuartige in seinem Werk entdecken.

Von Philipp Scheid

Ein junges Paar verbringt einen unbeschwerten Urlaub im Norden Frankreichs. Sie necken einander im Zugabteil, flanieren durch Parkanlagen, rasen mit offenem Autoverdeck ans Meer. Ihr Ziel ist der berühmte Klosterberg Mont Saint-Michel vor der Küste der Normandie. Ein Ort, der durch den Lauf der Gezeiten zur Insel wird. Das Paar besteigt andächtig die Stufen zur Abtei, die von den Menschen des Mittelalters „la Merveille“, das Wunder, getauft wurde. Aus einer anderen Zeit, einem anderen Ort, beschreibt die französische Stimme aus dem Off den Weg doppeldeutig als Aufstieg „à la merveille“. Sodann, im Kreuzgang, kehrt Stille ein, die Bewegungen werden bedächtig, schließlich richtet sich der Blick der beiden durch die Arkaden auf das Wattenmeer. Dieses Erlebnis, so ahnt man, wird dem Ort ebenbürtig werden. Die Erinnerung an ihn wird einmal aus dem Strom der Lebenszeit herausragen wie eine Insel. Was uns Terrence Malick in dieser Ouvertüre präsentiert, ist nicht die Umschreibung seines Filmtitels, sondern vielmehr der lyrische Betrachtungsmodus, der den Kontrakt mit dem Zuschauer über die kommenden 108 Minuten bestimmt. Denn: Malicks Film ist keine Erzählung, sondern – sucht man nach einer geeigneten Analogie für seine Bildsprache –  ein Gedicht. Folglich meint sein Titel nicht nur die räumliche Bewegung der Protagonisten hinauf zum architektonischen Wunder des Klosters (und damit zum Höhepunkt ihrer Beziehung), sondern eine Dedikation. Sein Film ist eine Ode „an das Wunder“, der Liebe.

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Momente der Zerissenheit: Marina (Olga Kurylenko), Szenenfoto für TO THE WONDER (© Redbud Pictures)

Doch wie diesen Begriff visuell und sprachlich fassen, der sich allenthalben zu entziehen scheint, der – möchte man ihn greifen – in vorgefertigte Bilder abzudriften droht und der – erblickt man seine Schattenseiten – seinen Zauber unmittelbar einzubüßen scheint? Die stilistische Antwort des Films: ein Befreiungsschlag, eine Loslösung von den Konventionen filmischer Narratologie. Eine Strategie, die Malick, so manches Mal zum Leidwesen seiner Anhänger, in den vergangenen Jahren perfektioniert hat. TO THE WONDER tritt damit den Beweis an, dass mit THE NEW WORLD (2005), spätestens aber mit THE TREE OF LIFE  seinem 2011 in Cannes prämierten opus magnum, eine neue Schaffensphase begonnen hat, die ein zkizzenhafter, feinfühliger Duktus auszeichnet, als gelte es, einen vorbeihuschenden Gedanken einzufangen. In diesem Konzept braucht es nur ein minimales Handlungsgerüst, das sich im Fall von TO THE WONDER dergestalt zusammenfassen ließe: Ein amerikanischer Geologe (das Drehbuch nennt ihn Neil, gespielt von Ben Affleck, aber dieser Name fällt ebensowenig wie der der anderen Figuren, so dass Affleck schlicht einen Mann mittleren Alters verkörpert) verliebt sich in die Französin Marina (Olga Kurylenko). Er zieht mit ihr und ihrer Tochter in seine Heimatstadt in Oklahoma, aber weder Mutter noch Tochter finden einen festen Platz in der neuen Welt. Es folgen Streit und Trennung. Eine neue, alte Liebe entfacht zu einer früheren Freundin (Rachel McAdams), die nicht bestehen kann unter den emotionalen Nachwehen der vorherigen. Das zweite Scheitern und ein erneuter Anlauf, um die Liebe zu Marina wiederzubeleben. Diesmal der Versuch einer Ehe, die zunehmend von der Angst der Frau vor zu viel Häuslichkeit und Unfreiheit erschüttert wird. Parallel zu diesen Betrachtungen irdischer Liebe ist auch ein Pater (Javier Bardem) zu sehen und zu hören, der fortwährend mit Gott hadert und dessen Sonntagspredigten nur noch eine schwache, vielleicht schon verglommene Glut seines einstigen Eifers heraufbeschwören. Während um ihn herum alle Welt in das Heil der Religion flüchtet, weil Tod, Krankheit und Armut um sich greifen, hat er seinen Halt im Glauben verloren.

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Momente des Zweifels: Pater Quintana (Javier Bardem), Szenenfoto für TO THE WONDER (© Redbud Pictures)

Malicks Versuch, die Liebe zu beschreiben, ist der Versuch eines universalen Um-sich-Greifens, wenngleich ihm dabei manche Bilder ins Plakative abgleiten (die vom Frost bedrohte Rose im Klostergarten). Malick, der im Fach Philosophie promoviert wurde, ist ein geistiger Nachfahre der Schule des amerikanischen Transzendentalismus und wie Ralph Waldo Emerson (1803-1882) sucht er das Leben nach dem Walten einer „Weltseele“ ab. Alles ist mit allem verbunden. Es gibt Gesetzte, Rhythmen, wie etwa den Lauf der Gezeiten, die auch unser Leben betreffen: Das Auf- und Abschwellen der Gefühle oder der Kampf zwischen Zwietracht und Harmonie, dieser ewige „war in the heart of nature“, wie es ein US-Soldat aus THE THIN RED LINE (1999) mit Verweis auf Charles Darwin erklärt. Paradiese, verlorene, wiedergefundene, erträumte, davon haben die Filme Malicks schon immer erzählt. Daher wäre den vielen Kritikern seines jüngsten Werks zumindest entgegenzuhalten, dass der Regisseur bei aller stilistischen Freimütigkeit seinen Themen erstaunlich treu geblieben ist. Für Marina, die – wie man sieht – einmal Balletttänzerin gewesen ist, besteht das Leben aus unablässiger Bewegung. Wie Holly und Kit in BADLANDS (1973) kann sie sich nur durch diesen kindlichen Bewegungsdrang der Vorstellung hingeben, von allen äußeren Zwängen befreit und ganz bei sich zu sein. Als ihre Füße amerikanischen Boden betreten, staunt sie nicht schlecht über die Zeugnisse dieser Kultur, über die sauberen Konsumtempel der Supermärkte, über die farbenfrohen Umzüge und die blinkenden Fahrgeschäfte der Jahrmärkte, die ganz andere Bewegungen vollführen als ihr graziler Körper. Letztlich aber bleibt ihr alles so fremd wie Pocahontas die gezähmte Natur des englischen Landschaftsgartens am Ende von THE NEW WORLD.

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Momente der Einsamkeit und der inneren Rückschau: Jane (Rachel McAdams), Szenenfoto für TO THE WONDER (© Redbud Pictures)

Scheint Malicks filmischer Kosmos damit einerseits kohärent geblieben zu sein, durchwoben von Leitlinien und Leitmotiven, so ist die Welt des Films noch durchlässiger geworden. In ihr existiert kein diachrones Zeitverständnis. Die Off-Stimmen der Protagonisten, die längst zum Markenzeichen seiner Filme geworden sind, sie könnten aus allen Zeiten stammen: aus ihren Briefen, aus ihren Gedanken und warum nicht sogar aus einem Ort jenseits von Zeit und Raum? Bei Malick ist die Welt ein Fluidum und das Fluide, das Licht etwa oder das Wasser, sind immer mehr als visuelle Elemente. Das Fließen und das Leuchten der Liebe, das Ephemere, das sie so schwer fassbar macht, ist auch Maßgabe des künstlerischen Stils: Nicht nur Olga Kurylenko schwebt immerzu über das Set, auch ist es die kongeniale Kameraführung Emmanuel Lubetzkis (seit THE NEW WORLD Standard-Operateur in Malicks Filmen),  der seine Kamera so behände choreographiert, dass man glauben möchte, der Regisseur habe ihm zur Einstimmung zugeflüstert: „Lass deine Kamera wie ein spielendes Kind sein, wie eine vom Wind getriebene Feder“.

TO THE WONDER präsentiert uns keine abgeschlossene Geschichte, seine unkonventionelle Dramaturgie verbietet dieses Urteil, sondern einen poetischen Entwurf über das Wesen der Liebe. Gewiss hat in den letzten Jahren eine stetige Stilisierung in Malicks Werk stattgefunden. Wer jedoch mit dem Maßstab herkömmlicher Kinoerfahrung an den Film herangeht, muss zwangsläufig fehl gehen. Stattdessen sollten wir einen anderen Blick auf sein Werk wagen, den uns der Film selbst nahelegt: Die Liebe ist ein permanentes An- und Abstoßen von Körpern, ein Tanz, mal mit sich selbst, mal mit anderen und jedes Kloster, jeder Park, jede Landschaft, jedes Haus, jeder Flughafen kann das Parkett für diesen Tanz sein.

To the Wonder, USA 2012, Regie: Terrence Malick, Kamera: Emmanuel Lubetzki, Schnitt: A. J. Edwards, mit Ben Affleck, Olga Kurylenko, Rachel McAdams, Javier Bardem, u. a.   

 

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