Essay/KOSTÜM/Retrospektive

Russomanie. Wie Hollywood den „Zhivago-Look“ auf den Laufsteg brachte

Keira Knightley in der Rolle der Anna Karenina 2012

Keira Knightley als Anna Karenina (GB/F 2012, Regie: Joe Wright) © Universal Pictures / Focus Features / Working Title Films

Kostüm im Film ist weit mehr als szenographisches Beiwerk, das historische Glaubwürdigkeit garantieren will – in vielen Fällen ist es der Schlüssel zur Alltagskultur über das Faszinosum Mode. Ein gut entworfenes Kostümbild führt daher im besten Fall zu einer motivischen Wiederkehr in den Pariser Défilés. So geschehen mit dem „Russian Style“, der in den 1960er Jahren nicht etwa über die hermetisch verschlossenen Grenzen der Sowjetunion in den Fokus der Designer rückte, sondern bemerkenswerterweise über den US-amerikanischen Film.

Von Waleria Dorogova

Dass Hollywood seine Charaktere oftmals aus nationalen Stereotypen nährt, ist kein Geheimnis. Auch nicht, dass die Traumfabrik damit die Imagination eines Millionenpublikums beeinflusst. Wie man sich das prärevolutionäre Russland vorzustellen habe, führte jüngst Joe Wrights Verfilmung von Tolstois Anna Karenina vor (Kostümbild: Jacqueline Durren). Keira Knightley gab dort mit Silberfuchs, Juwelen und Grandezza die russische Aristokratin par excellence und stellte sich damit in die Nachfolge anderer Filmdiven, die eine Vorstellung vom „goût russe“ nachhaltig im Gedächtnis des Publikums verankerten. Spätestens nach dem einschlagenden Erfolg von David Leans Doctor Zhivago im Jahr 1965 gehörten Pelztoque und Kosakenstiefel zum populären „Zhivago-Look“, wie ihn Julie Christie, Omar Sharif und Geraldine Chaplin in den malerischen Wintersequenzen der Pasternak-Verfilmung vorprägten. Dabei ist der russische Stil kein Sonderfall: Schon Gone with the Wind hatte 1939 in Paris das Wiederaufleben der Krinoline ausgelöst – und dies acht Jahre vor Diors „New Look“. Im Rahmen epischer Literaturverfilmungen sind auf diese Weise nicht selten Modeikonen geboren worden und im Fall von Doctor Zhivago sogar ein vestimentärer Spiegel des Schwindens der alten Mächte und eine Projektionsfläche für die leidvolle russische Nostalgie. Das europäisierte Kleid der mondänen Moskauer Gesellschaft zu Beginn des Films nimmt in seinem Verlauf immer deutlicher die Gestalt der russischen Volksgewandes an und erhält gerade durch den volkstümlichen und zuweilen gar groben Anklang besonders in Laras (Julie Christie) Garderobe seinen eigentümlichen Charme. Phyllis Dalton wurde für das Kostümbild nicht nur mit dem Oscar ausgezeichnet, sondern auch mit der Wertschätzung von Seiten der Pariser und Londoner Modegilde. Für Maison Christian Dior landete Marc Bohan einen Coup mit einer von Zhivago inspirierten Kollektion im Winter 1966, die mit Pelzbesätzen und Fuchskappen eine wahre Russomanie auslöste.

Geraldine Chaplin und Omar Sharif in Doctor Zhivago, 1965

Tonya (Geraldine Chapman) und Jurij (Omar Sharif) in Doctor Zhivago (USA 1965, Regie: David Lean) © MGM / Carlo Ponti Production

Der „Zhivago-Look“ entwickelte sich im Zuge eines allgemeinen Enthusiasmus für Folklore zu einer langanhaltenden Phase russischer Einschläge in der Mode der 1960er und 1970er Jahre – eine Tendenz, die in Yves Saint Laurents legendärer Russischer Kollektion von 1976 kulminierte. Saint Laurent zeigte bestickte Blusen à la paysanne, pelzverbrämte Brokatwesten und Kosakenmäntel mit slawisch anmutender Goldstickerei. Das Höchstmaß an Opulenz ließ den finanziellen Aufwand der bis dahin teuersten Couture-Kollektion vermuten, die dabei nicht nur kommerziell zu einer der erfolgreichsten wurde, sondern auch eine der meistkopierten. Für Yves Saint Laurent war die Kollektion Ausdruck seiner eigenen Erfahrung mit der russischen Kultur, seiner Bewunderung für die Heldinnen der russischen Literatur und ohne Zweifel ein Nachhall auf Zhivago. Seine Kollektion ist dabei ganz ohne allzu zitathafte Bezüge zur russischen Kleidervorstellung ausgekommen – ein Prädikat, das nicht alle Pariser Interpretationen des Russian Style tragen können. Man denke nur an Karl Lagerfelds Kollektion Paris–Moscou für Maison Chanel im Jahr 2008, bei der unmissverständlich intendiert war, einem Klischee Rechnung zu tragen. Bei der hier präsenten politischen Symbolik und der regen Verwendung von kommunistischem Rot und uniformartigen Kastenjacken kommt schnell das Bild des Russen als Bösewicht und KGB-Agent von den frühen Bond-Filmen bis hin zu Indiana Jones and the Kingdom of the Crystal Skull in den Sinn. Auch Marlene Dietrich als muffbekleidete Scarlet Empress (1934) und die prunkvoll-zeremonielle Krönungsszene aus Eisensteins Iwan Grosny I (1944) müssen Lagerfeld vor Augen gestanden haben.

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Yves Saint Laurent: Opéra Ballets Russes, Fotografie des Défilés am 28. Juli 1976 im Pariser Hotel Intercontinental

Paris wie auch Hollywood bedienten sich an ein und demselben programmatischen Kompendium einer assoziativen Bilderwelt, die nur in Mode und Film die visuelle Vorstellung von jenem Land liefern konnte, das es im Zeitalter des Eisernen Vorhangs selbst darauf anlegte, vorrangig durch ein im Westen formuliertes, artifizielles Bild repräsentiert zu werden. In der Geschichte des Films hat sich diese Entwicklung in einem breiten Spektrum von schmerzlich nostalgischen Charakteren bis zu karikaturhaften, dabei durchaus amüsanten Gestalten niedergeschlagen; in der Mode wiederum in einer immer wiederkehrenden Sehnsucht nach geradezu bäuerlicher Folklore oder dem zaristischen Kleiderluxus. Fest steht, dass die Mode à la Russe in erster Linie von dem westlich imaginierten Bild vom Russen beeinflusst wurde, dem im vergangenen Jahrhundert ohne das Medium des Films keine vergleichbar breite Popularisierung widerfahren wäre.

Filmographie

The Scarlet Empress (Die scharlachrote Kaiserin, USA 1934, Regie: Josef von Sternberg), Gone with the Wind (Vom Winde verweht, USA 1939, Regie: Victor Fleming, George Cukor, Sam Wood), Iwan Grosny (Iwan der Schreckliche I + II, UdSSR 1944, 1958, Regie: Sergej Eisenstein),  James Bond (z. B. From Russia with Love, GB 1963, Regie: Terence Young), Doctor Zhivago (USA 1965, Regie: David Lean), Indiana Jones and the Kingdom of the Crystal Skull (Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels, USA 2008, Regie: Steven Spielberg) / Anna Karenina (GB/F 2012, Regie: Joe Wright)

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