Essay/REGIE/Retrospektive

Politisches Tauziehen in Hollywood – Kubrick und Stone im Clinch mit Reagan und Rambo

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Der Krieg als die Hölle auf Erden: Still aus The Deer Hunter (dt. Die durch die Hölle gehen, USA 1978, Regie: Michael Cimino) (© EMI / Universal Pictures)

Neben dem Zweiten Weltkrieg wurde wohl kein anderer militärischer Konflikt so häufig auf der Kinoleinwand ausgefochten wie der Vietnamkrieg – eine Auseinandersetzung, die mit Filmen wie „Tigerland“, „Wir waren Helden“ oder „Rescue Dawn“ bis in unsere heutige Zeit fortdauert. Ein Blick auf die Frühgeschichte dieses Subgenres allerdings zeigt, dass die Aufarbeitung des Kriegstraumas für die amerikanische Filmindustrie anfänglich auch eine politische Mission war. Während die Leinwandregierung einerseits kraftstrotzende Superkrieger ins Feindesland entsendete, um die Kriegswunden der Nation zu lindern, brach gegen Ende der 1980er Jahre eine Gruppe von Filmemachern mit der verordneten Filmtherapie. In ihren Werken scheinen erst der unheroische Kriegsalltag und die Napalmbrände im Dschungel das Feuer der Läuterung zu bringen. Diese konkurrierenden Konzepte haben wir in einem Essay näher unter die Lupe genommen.

von Matthias Witt

Kaum ein zweiter hat die 1980er Jahre so sehr geprägt wie der Ex-Cowboy-Darsteller und republikanische US-Präsident Ronald Reagan (1980-1989). Während seine Amtszeit von Politik- und Kulturwissenschaftlern mittlerweile akribisch analysiert wird, fällt ein wichtiges Kapitel immer wieder unter den Tisch: Der Vietnamfilm. Reagan hatte es sich zum erklärten Ziel gesetzt, nach dem Desaster in Vietnam das Ansehen der USA in der Welt und in der Heimat wiederherzustellen. Um dieses Ansehen zu erneuern, setzte der Präsident ganz auf Aufrüstung und Remilitarisierung.

Diese politische Kraftgebärde hatte in den 1980er Jahren einen massiven Einfluss auf die amerikanische Filmindustrie, und hier insbesondere auf den Vietnamfilm. Reagan leitete zu Beginn der 1980er Jahre zusammen mit den Medien eine Art ‚Image-Kampagne‘ für den Krieg und für das Vergessen der Niederlage in Vietnam ein. Die „Hearts and Minds“ der Amerikaner sollten wieder geradegerückt werden. Es herrschte weiterhin der Kalte Krieg und mit einer pazifistischen Bevölkerung war der nicht zu gewinnen. Eine Schlüsselfunktion bei der Vermittlung des neu geplanten Selbstbildes der USA als wiedererstarkter Supermacht kam dabei Hollywood zu.

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Der spätere US-Präsident Ronald Reagan (1911-2004) als Cowboy-Darsteller

Obschon der Kulturkritiker Siegfried Kracauer in seiner einflussreichen Schrift From Caligari to Hitler (1947) dargelegt hatte, dass Kriegsfilme als Propagandainstrumente dazu dienen können, die  Moral an der Heimatfront aufrechtzuerhalten, brach eine Reihe von Filmen über den Vietnamkrieg (1956-1975) mit dieser Tradition.  Die Filme in den 1970er Jahren dienten nicht länger der Stärkung des Kriegswillens, sondern der Verarbeitung der Niederlage. Als berühmtestes Beispiel zu nennen ist hier Michael Ciminos The Deer Hunter von 1978. In Filmen dieser Art widmeten sich die Regisseure den psychischen und physischen Leiden der Kriegsheimkehrer. Mit dem Regierungswechsel von Jimmy Carter zu Ronald Reagan im Jahr 1980 änderte sich bald auch das Profil des Vietnamfilms. Der neuen Remilitarisierungsdoktrin Reagans folgend, galt es nun, das Vietnam-Trauma zu überwinden; denn noch immer stand dieses dem neuverordneten Selbstbild störrisch im Wege. In die Treatments passten, laut Regierung, keine traumatisierten US-Veteranen mit Resozialisierungsproblemen mehr. Ein neuer Typus Vietnamfilm war jetzt gefragt. Er orientierte sich an der eindringlichen Ästhetik von Francis Ford Coppolas Apocalypse Now von 1979. Seitdem, so scheint es, sind Vietnamfilme ohne Rockmusik, Dschungel, Hubschrauber und Napalm undenkbar. Eine perfekte Synthese vom progressiv gestimmten Heimkehrerfilm der 1970er, der Überwältigungsästhetik von Apocalypse Now und dem neuen Selbstbild der USA stellte der Film Rambo: First Blood von 1982 (Regie: Ted Kotcheff) dar. Darin kämpft sich Sylvester Stallone (alias John Rambo) als muskelbepackter, im Guerillakrieg geschulter Vietnamveteran gewalttätig und spektakulär zurück in die Aufmerksamkeit der US-Öffentlichkeit.

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Rambo wird’s richten: Standfoto für First Blood (dt. Rambo, USA 1982, Regie: Ted Kotcheff) (© Anabasis N.V. / Elcajo Productions)

In First Blood steht nicht mehr das Trauma Vietnam im Fokus, sondern die dort erworbene militärische Potenz des Veterans. Letzterer ist bei der Figur Rambo bekanntermaßen besonders stark ausgeprägt. Das Image des Vietnamveteranen wurde dabei nicht nur im Film, sondern auch im Fernsehen der 1980er völlig neu justiert. In Serien wie A-Team, Mac Gyver, Magnum und Miami Vice haben die Helden von ihrem Vietnameinsatz im Regelfall profitiert. Sie scheinen weder psychischen noch körperlichen Schaden davongetragen zu haben. Im Gegenteil: Der Vietnamkrieg hat sie zynischerweise zu besseren Menschen gemacht. Auf die Spitze getrieben wird dieser Trend 1985 im Film  Rambo: First Blood (Part II), jetzt unter der Regie von George Cosmatos. Dort beendete Hollywood durch die Hand von Rambo die zeitgenössische Debatte um amerikanische Kriegsgefangene in Vietnam, indem er sie auf der Kinoleinwand eigenhändig befreit. Dabei befördert er als Supersoldat mit oder ohne Feuerwaffen ganze Regimenter von Gegnern ins Jenseits. Schließlich lieferte der Film Missing in Action (1984), in dem Chuck Norris als Ein-Mann-Geheimwaffe seinen Einstand gab, das passende Etikett für zukünftige Werke dieses Formats. Fortan war nur noch vom sogenannten „M.I.A.-Film“ die Rede. Die Ikonographie dieser Filme lebt vom gemarterten, muskulösen Körper des Einzelkämpfers,  kombiniert mit gewaltigen Actionszenen à la Apocalypse Now. In diesen Actionstreifen lenkt Hollywood die Erinnerung an den verlorenen Vietnamkrieg in eine Richtung, die Reagan wohl gefallen hätte: Der durch den Krieg gestärkte Kriegsveteran nimmt Rache, verdrängt damit das Trauma der Niederlage. Außerdem rehabilitiert er sich durch seinen militärischen Erfolg nachträglich im Ansehen der US-Gesellschaft. Man darf und soll wieder stolz sein auf die Veteranen. Der Zusammenhang dieser Filme mit Reagans Politik wird in einem vielzitierten Interview deutlich. Darin soll sich der Präsident in Bezug auf die Geiselnahme von Teheran 1981 wie folgt geäußert haben: „Boy, after seeing Rambo last night, I know what to do next time.“

Doch längst nicht alle Regisseure dieser Zeit teilten Reagans euphemistische Sichtweise auf den Vietnamkrieg. Ab Mitte der 1980er verbreitete sich unter den Liberalen in Hollywood zunehmend die Forderung nach einem realitätsnahen, authentischen Vietnamfilm. Altmeister Stanley Kubrick beendete hierfür eigens eine siebenjährige Schaffenspause und begann bereits 1985 mit den Dreharbeiten für Full Metal Jacket (1987). Kubricks Film war aber bereits im Vorjahr ein anderer, später vielprämierter Vietnamfilm vorausgegangen: Oliver Stones Platoon. Zeitgleich mit Kubricks Werk startete auch John Irvins Hamburger Hill in den Kinos.

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Leid und Wahnsinn des Krieges, zusammengefasst in einer einzigen ikonischen Geste: Still aus Platoon (USA 1986, Regie: Oliver Stone) (© Hemdale Film / Cinema 86)

Die letzten beiden Filme waren allerdings veritable Flopps an den Kinokassen. Ganz anders war das bei Platoon, dem ersten erfolgreichen ‚Anti-Rambo-Film‘. Im Mittelpunkt der Erzählung stehen hier eine Gruppe von GIs und die Erlebnisse des jungen Rekruten Chris Taylor (Charlie Sheen), der im Dschungel Vietnams um sein Leben, aber auch um seine Seele kämpft. Der Einzelkämpfer à la First Blood hatte in Reagans zweiter Amtszeit ausgedient. Neben sehr aufwändig inszenierten Actionszenen, ohne die Vietnamfilme völlig undenkbar zu sein scheinen, ist ein weiterer wichtiger Aspekt von Platoon die Schuldfrage. So wird etwa in einer Szene das My Lai Massaker thematisiert. Die Grenzen von Gut und Böse verwischen damit in Stones Film. Ähnliches gilt auch für Kubricks Full Metal Jacket. Am Ende des Films haben die GIs eine Vietcong-Kämpferin, die fast noch ein Kind ist, angeschossen und starren sie unschlüssig an. Ganz anders hingegen verhält es sich in Hamburger Hill, dem wohl unbekanntesten Film in dieser Reihe. Hier wird die Frage aufgeworfen: Wofür kämpfen wir? Ein Zug GIs wird gezwungen, einen strategisch wertlosen Hügel einzunehmen. Zehn Mal stürmen sie gegen die Stellung an, werden immer wieder zurückgeworfen und sehen ihre Kameraden sterben. Am Ende erreichen nur drei GIs lebend die Hügelkuppe. In John Irvins Vietnamfilm wird erstmalig im Detail auf die Rassenproblematik zwischen schwarzen und weißen Soldaten eingegangen. Zudem beinhaltet der Film die längste Friendly Fire-Sequenz des gesamten Genres. Der Film schildert den Krieg aus der Sicht des gemeinen Soldaten, der sich von der Regierung verheizt und von den Friedensbewegungen im Stich gelassen sieht. Für philosophische Überlegungen wie in Platoon lässt Irvin indes keinen Platz. Der Film ist keiner politischen Haltung eindeutig zuzuordnen, was er jedoch zweifellos ist: schonungslos in der Darstellung des militärischen Wahnsinns. Etwas überspitzt formuliert: wer sich mit der facettenreichen Geschichte des Vietnamfilms auseinanderzusetzen gedenkt, der kommt an Hamburger Hill nicht vorbei.

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Noch ahnen diese Soldaten nicht, auf welches Himmelfahrtskommando sie geschickt werden: Standfoto für Hamburger Hill (USA 1987, Regie: John Irvin) (© RKO Pictures)

Diese Trias des neuen Vietnamfilms einte vor allem ihr geradezu obsessives Streben nach Authentizität. Auch die Regisseure sprachen in Interviews wiederholt davon, dass sie zeigen wollten, wie der Krieg wirklich war. Die Schrecken des Krieges sollten somit sichtbar gemacht werden. Der unbedingte Wille zur Echtheit ging so weit, dass für die Dreharbeiten Vietnamveteranen engagiert wurden. Oliver Stone und John Irvin waren nicht zuletzt selbst als Kriegsberichterstatter in Vietnam gewesen und konnten aus ihren eigenen Kriegserfahrungen schöpfen. Mit Nachdruck entlarvten damit Kubrick, Stone und Irvin die Idee, Rambo habe die amerikanische Gesellschaft von seinem Kriegstrauma kuriert, als reine Fiktion. Damit opponierten die Filmemacher letztlich auch gegen Reagans Filmpolitik. Allerdings zieht die aktuelle Forschung in der Zwischenzeit den Status dieser Werke als lupenreine Antikriegsfilme in Frage. Es sei den Filmschaffenden nicht primär darum gegangen, den Krieg als solchen für immer zu verdammen. Nicht der Krieg als politisches Mittel werde kritisiert, sondern in den Arbeiten artikuliere sich vielmehr der subtile Wunsch nach einem –  wie auch immer gearteten – ‚gerechten Krieg‘.

Der Vietnamfilm der 1980er Jahre changiert somit zwischen simpler Action und Militärpropaganda und findet seinen Gegenpol in Filmen, die sich als (vermeintliche) Antikriegsfilme ausgeben. Bei vergleichendem Betrachten der zeitgenössischen Vietnamfilme ist das politische Tauziehen zwischen konservativen und liberalen Filmemachern deutlich zu erkennen. Die entgegengesetzten Lager ringen förmlich um einen Film, der ihrer Sichtweise auf den Krieg entspricht. Dabei ist es bezeichnend, dass die gegnerische Partei stets außen vor bleibt. Hollywoods Vietnamesen sind in dieser Phase konsequent wortlose Opfer, Täter, Prostituierte oder Kollaborateure, sind lediglich Statisten in einem amerikanischen Monolog. Streng genommen müsste daher nicht von „Vietnamfilmen“ die Rede sein, sondern von „USA-Filmen“, ging es doch darum, die Risse im eigenen, nationalen Selbstbewusstsein zu kaschieren oder offenzulegen und damit den Heilungsprozess zu beschleunigen. Für die Vietnamesen übrigens war der Vietnamkrieg schon immer der „Amerikanische Krieg“.

Filmographie

The Deer Hunter (Die durch die Hölle gehen, USA 1978, Regie: Michael Cimino), Apocalypse Now (USA 1979, Regie: Francis Ford Coppola), First Blood (Rambo, USA 1982, Regie: Ted Kotcheff), Missing in Action (USA 1984, Regie: Jospeh Zito), First Blood II (Rambo II, USA 1985, Regie: George P. Cosmatos), , Platoon (USA 1986, Regie: Oliver Stone), Full Metal Jacket (GB/USA 1987, Regie: Stanley Kubrick), Hamburger Hill (USA 1987, Regie: John Irvin)

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