KAMERA

Die Seele im Zelluloid – VIDEONALE.scope eröffnet mit einer Werkauswahl von Birgit Hein

Rohfilm-02

Wilhelm & Birgit Hein: Rohfilm, 1968, 16 mm, sw, Ton, 20 min (© courtesy by the artist)

Längst sollte es kein Geheimnis mehr sein, dass sich die Bonner Videonale um die Etablierung von Videokunst im zeitgenössischen Kunstbetrieb in besonderer Weise verdient gemacht hat. Während aber das renommierte Festival derzeit pausiert, steht zur Verkürzung der Wartezeit bereits der nächste Glanzpunkt auf dem Programm. Seit vergangenem Samstag nämlich geht VIDEONALE.scope in die erste Runde, eine neue Veranstaltungsreihe, die es sich zum Ziel gesetzt hat, das Wechselspiel von Film und Videokunst zu untersuchen. Den Startschuss bilden dabei zwei Retrospektiven zum Werk von Birgit Hein und James Benning (beide Jahrgang 1942), deren Filme noch bis zum 24. November an verschiedenen Spielstätten in Bonn und Köln zu sehen sind. Eine Werkschau, die in Art einer transatlantischen Beziehung erstmals zwei wichtige Pioniere des Avantgardefilms der 1960er und 1970er Jahre zusammenführt. Damit ermöglichen die Organisatoren nicht nur ein (Wieder)Sehen Ihrer alten und neuen Arbeiten, sondern auch eine personelle Begegnung: Beide Künstler sind während der Screenings anwesend und stehen dem Publikum Rede und Antwort. Am Eröffnungsabend konnte bereits Kunstgeschichte hautnah erlebt werden, als Birgit Hein im Auditorium des Bonner Kunstmuseums gemeinsam mit dem Kurator der Schau, Daniel Kothenschulte, durch einen Teil ihres Schaffens führte.

Von Philipp Scheid

Auf der Leinwand des abgedunkelten Zuschauerraums flackern in rasanten Schnittrythmen Bilder auf, ganz ungeschminkt stellen sie ihre materielle Herkunft zur Schau. Wir sehen einen Film oder vielmehr seine verschiedenen Seinsarten und Strukturen: den Perforationsstreifen des Filmbandes, das Herstellersignet, Verunreinigungen, Zersetzungen, Doppelprojektionen, Negativ- und Positivaufnahmen. All das ist aneinandergereiht zu einem einzigen Bilderstrom.

„Rohfilm“ ist der Titel dieser Arbeit und „roh“ ist er auch in seiner visuellen und akkustischen Wirkung, die schon frühere Betrachter als „terrorartigen Effekt“ (H. Scheugl/E. Schmidt jr.) oder als „visuelles Bombardement“ (S. Dwoskin) empfunden haben. Obwohl keine Erzählung angestrebt wird, rufen die wenigen Motive (die markante Stadtsilhouette von Köln) Erinnerungen an Krieg und Verwundung auf, die im Jahre 1968, als der Film entstand, gesellschaftlich noch immer tief verankert waren.

An dieser Stelle ein flüchtiger Seitenblick auf die Regisseurin Birgit Hein, die wenige Sitze weiter Platz genommen hat: Wie oft hat sie diesen Film schon gesehen? Oder sieht sie ihn gerade heute nach langer Zeit wieder? Dem Enthusiasmus, mit dem sie nach Ende der ersten Vorstellung kurz das Wort ergreift, lässt jedenfalls darauf schließen, dass sie immer noch in der Lage ist, ‚abzutauchen‘ in  jene Tage, als sie gemeinsam mit ihrem damaligen Ehemann Wilhelm an „Rohfilm“ arbeitete. Beide leisteten damals Pionierarbeit, als es galt, Infrastrukturen für den bundesdeutschen Avantgardefilm aufzubauen. Sie gastierten beim berühmten Experimentalfilmfestival in Knokke, waren Mitarbeiter der Zeitschrift Supervisuell und gründeten schließlich 1968 in Köln das legendäre X SCREEN-Studio, das dem westdeutschen Publikum erstmals einen Großteil des zeitgenössischen Underground-Kinos präsentierte. Man merkt Hein noch ihre langjährige Lehrtätigkeit an Kunsthochschulen an, als sie dem Publikum auf natürliche und unprätentiöse Weise den Herstellungsprozess ihres Films beschreibt. Auf die „Haptik“ sei es ihnen angekommen, erklärt sie. Die materielle Basis des Films sollte nicht nur durch künstlerische Manipulation vorgeführt werden, sondern seine Stofflichkeit erlebbar sein.

Heins Arbeiten der kommenden Jahre konkretisieren diese Idee: In „Reproductions“ (1969) besteht das Ausgangsmaterial aus Urlaubsfotos einer italienischen Reise, die kopiert und wie in einem Patchwork zu einem Filmband zusammenmontiert wurden. Die Wiederholung, der wechselnde Schärfegrad und das stetige ‚Abtasten‘ einiger Motive – Großaufnahmen von Gesichern, Details einer antiken Tempelfassade – scheinen das Bildmaterial beständig zu befragen: nach der Erinnerung in ihnen oder danach, was von den Körpern und den Lebenden vor der Kamera bleibt, nachdem sie vom Material absorbiert worden sind.

Baby-04

Birgit Hein: Baby I Will Make You Sweat, 1994, 16 mm, Farbe, Ton (Musik: POL), 63 min (© courtesy by the artist)

In den „Porträts“ (1970) operieren „W & B Hein“ noch konsequenter mit der Fotografie als Grundmolekül des Films. Ausgangspunkt ist hier ein einzelnes Porträtfoto, das nach unterschiedlichen Verfahrensweisen reproduziert und aufgereiht wurde, so dass dem Betrachter nur minimale Veränderungen auffallen (z. B. Schärfe- oder Belichtungsunterschiede). Unvermeidlich stellt sich nach einer Weile die Frage nach der Herkunft des Fotos und der Identität des Dargestellten. Was wir sehen ist eine Nahaufnahme eines bärtigen jungen Mannes mit schulterlangem Haar. Wüsste man nicht sogleich, dass es sich hierbei um ein Porträt des berüchtigten Massenmörders Charles Manson handelt, so hätten wir möglicherweise auch auf einen Jesus-Darsteller aus einem Bibelfilm tippen können. Möglich, dass der Film mit diesem ‚Christus-Porträt‘ auch über die legendäre Überlieferung des Antlitzes Jesu im Schweißtuch der Heiligen Veronika reflektiert, einer zentralen Legitimationsgrundlage für die sakrale Malerei des Abendlandes. Diese und andere vera icon-Bilder könnten den studierten Kunsthistorikern Birgit und Wilhelm Hein bei ihrer Beschäftigung mit der Medialität von Bildern durchaus ein Vorbild gewesen sein.

Die abstrahierenden Tendenzen im Frühwerk bilden gleichsam die Brücke zu aktuelleren Arbeiten der Künstlerin. Ihr 2013 entstandener „Abstrakter Film“ ist keineswegs abstrakt im Sinne des Absoluten Films der 1920er Jahre, sondern eine Collage vorgefundenen Filmmaterials (found footage), das aus Handyvideos vom Libyschen Bürgerkrieg (2011) besteht. Während das Aufnahmematerial so aufgeblasen wurde, dass häufig nur die Textur der Bilder erkennbar ist, stellt der O-Ton den Bezug zum dramatischen Kampfgeschehen her: zu hören sind Schreie, Maschinengewehrsalven und Detonationen, denen gelegentlich auf visueller Ebene – pars pro toto – das Flecktarn einer Uniform, Hände oder Blutspuren antworten. Was, wie Hein sagt, als „Beweis“ ins Netz gestellt wurde, wird aufgelöst, um es wieder der Imagination des Betrachters (der vielmehr Zuhörer ist) zuzuführen. Die Schreckensbilder, die sich die eigene Phantasie unweigerlich auszumalen beginnt, sind vermutlich verstörender als die „So ist es gewesen!“-Rhetorik der ursprünglichen Videos.

Der zweite Programmpunkt des Abends widmete sich Heins filmischem Reisetagebuch „Baby I Will Make You Sweat“ (1994), in dem die Künstlerin ihre Erfahrungen eines Jamaica-Aufenthalts verarbeitet hat. Im Publikumsgespräch berichtet sie, sie habe damals aufs Geratewohl ein Flugticket gebucht und ihre High-8-Kamera eingepackt. Das Ziel wurde Jamaica und die Reise ein Selbstexperiment sexueller Unabhängigkeit. So intim und „rüde“ die zitierten Tagebucheinträge, die sich als voice-over-Narration über die Bilder legen, mitunter wirken, so ergibt sich bei der Betrachtung der Bilder nie der Eindruck eines verklärten, romantischen Urlaubsidylls: Schäbige Behausungen, Aasgeier, streunende Hunde, Tropenstürme und immer wieder dazwischen eine schwarze Hand, die in Zeitlupe über einen weißen Oberschenkel streicht. Auf der Bildspur, so scheint es, liegen Eros und Thanatos nahe beieinander. Das Gesprochene, das Gezeigte und das Gehörte (die Musik stammt von der Band POL) erzeugen Reibungen, legen einen Schleier von tristesse über den Film, der das Paradies als verloren oder zumindest als fiktiv ausweist.

Baby-01

Birgit Hein: Baby I Will Make You Sweat, 1994, 16 mm, Farbe, Ton (Musik: POL), 63 min (© courtesy of the artist)

Dass einige Kritiker auf der Berlinale 1994 dem Film sein fehlendes Feigenblatt übelnahmen, dass sie dem Werk schlicht Propagierung des Sex-Tourismus vorwarfen, muss heute verwundern. Längst haben sich auch arrivierte Filmemacher dieses Themas angenommen. Ulrich Seidl, der, wie beiläufig enthüllt wurde, Hein persönlich eine Kopie des Films abkaufte, ist mit seinem 2012 erschienenen „Paradies: Liebe“ in diesem Zusammenhang zu nennen.

„Baby I Will Make You Sweat“ ist vielleicht der poetischere Entwurf gelungen. Hein setzt ihrer filmischen Sprache ihre literarische entgegen. Während der Text keinen Abstand wahrt, sind die Bilder distanzierter (nicht nur durch das nachträgliche Umkopieren auf 16 mm), sie sind sensibler in der Beobachtung und in der Auswahl ihrer Motive. Wie in „Abstrakter Film“ entsteht dadurch ein Gegensatz zwischen Direktheit einerseits und Verschleierung andererseits. Das Fehlende wird dabei für den Zuschauer zum eigentlichen Motor der inneren Selbstbetrachtung.

Der Eröffnungsabend bot somit bereits einen Querschnitt von Heins Schaffen, zeigte Kontinuitäten aber auch Momente des Wandels und der Neuausrichtung auf. Vielleicht ließe sich als Summe festhalten, dass die Künstlerin im Laufe ihrer Karriere immer wieder dagegen opponiert hat, die filmischen Bilder als gegeben hinzunehmen. Während sie in frühen Jahren die Materialität des Films, seine Bedingungen der visuellen Kommunikation unter die Lupe genommen hat, fragen Arbeiten wie „Reproductions“,  „Baby …“ und jüngst „Abstrakter Film“ auch nach der „Wahrheit“ jenseits des Repräsentierten oder, um einen Titel des Filmtheoretikers Rudolf Arnheim zu wenden, nach der „Seele im Zelluloid“. Insofern ist Hein auch Archäologin, die im filmischen Material nach den Spuren des einstmals Lebendigen gräbt.

VIDEONALE.scope: Retrospektiven zu Birgit Hein und James Benning, 16.11. bis 24.11.2013, Bonn (Kunstmuseum Bonn, Woki), Köln (Filmclub 813 e.V. im Kölnischen Kunstverein)

Weitere Informationen sowie das Programm zur VIDEONALE.scope findet ihr hier.

One thought on “Die Seele im Zelluloid – VIDEONALE.scope eröffnet mit einer Werkauswahl von Birgit Hein

  1. Nun, da bleibt zum gelungenen Eröffnungsabend-Bericht von Pilipp Scheid nur noch Heins Film ‚625‘ nachzutragen. Benannt nach der Zeilenanzahl des Fernsehbildschirms, darf der Zuschauer sich auf 34 Minuten ‚Weißes Rauschen‘ von 1969 freuen.

    Birgit Hein befragt das Publikum, ob denn noch Lust vorhanden wäre für ‚625‘. Nur sie selbst, sie würde sich den Film nicht mehr antun heute. Es wäre halt 34 Minuten lang nacktes Fernsehrauschen zu sehen mit schwarzen Streifen drin. Und das bräuchte sie nun für heute nicht mehr und sie wäre auch niemandem böse, der nicht durchhält bis zum Schluß.

    Lust war vorhanden! Zwar wenig … aber immerhin genug zum Start des Films.

    Der dann zu einer performativen Rauminstallation sich entwickeln durfte. Nun gut, weißes Fernsehrauschen ist vielleicht nicht Jedermanns Sache und taugt mit dem Originalton auch nicht für normal spannende Spannungsbögen. Doch die Freigabe von Birgit Hein an die Zuschauer, nicht bleiben zu müssen, sorgte für eine über 20 Minuten wohldosierte Performance.

    Das sich gegenseitige Ansehen eines Ehepaares, gefolgt von stillem Nicken ‚Wir gehen jetzt‘ brachte Bewegung in die 2D-Leinwand. Dem Aufstehen folgte ein hinaustreten aus der Stuhlreihe und ein hinaufsteigen aus dem Atrium zum Ausgang. Verbunden war dies mit einerseits einer völligen Blendung durch den Beamer, was den Aufstieg verlangsamte. Andererseits – und hier auch auf der anderen, rückwärtigen Seite der Aussteiger sichtbar – erschienen plötzlich Silhouetten im Rauschen des TV, die in ihrer Scherenschnitt-Artigkeit dem stehend flimmernden Bild zur Story verhalfen.

    Ganz ohne eine 3D-Brille aufsetzen zu müssen, kamen Menschen nach und nach, in wohlgeordnet zeitlichen Abständen die Treppe hinauf in das Beamerlicht gestiegen. Sie selbst vermochten durch den grellen Lichtschein nicht wahrnehmen, wie 3D sie gerade waren, wie farbig angestrahlt, wie real. Selbst ihren in tristem grau projizierten Scherenschnitt verpassten sie. Wie schade!

    Die letzten 10 Minuten gehörten dann zwei Zuschauern ganz alleine.

    Wir haben nicht nur durchgehalten. Wir haben auch das Happy End nicht verpasst!

    Helmut Hergarten … 1 von 2

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s