Fundstück/Kritik/REGIE

Sonntagsfilm: Patrick Cederbergs und Walter Woodmans NOAH

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Es sind nicht die großen Tragödien oder Komödien, wie sie das Leben schreibt, die den jungen Filmemachern Patrick Cederberg und Walter Woodman für ihr Kurzfilmprojekt „Noah“ Pate gestanden haben. Vielmehr ging es ihnen um den Versuch, unsere parallele Existenz in virtuellen Welten, im Social Network oder in Chatrooms zu beobachten. Ein Versuch, der dann doch wiederum erstaunlich nah mit unserem modernen Leben verbunden ist.

Von Philipp Scheid

Noah, so nennen wir einen Teenager, der wie viele Jugendliche seine Freizeit auf Social Media-Plattformen verbringt. Obwohl wir ihn in den kommenden 17 Minuten nicht ‚wirklich‘ zu Gesicht bekommen, allenfalls durch seine integrierte Laptopkamera, so scheint uns sein Desktop, auf dem der Film spielt, einen ersten Eindruck von seiner Person zu übermitteln: Das Pärchenfoto, die Ordner „school stuff“ und „song ideas“ lassen auf einen liierten, musikalisch ambitionierten Schüler schließen. Doch gerade seine Freundin Amy bereitet Noah Kopfzerbrechen. Seinem Freund Kanye gesteht er im Chat, er habe die Befürchtung, sie werde sich bald vom ihm trennen. Seine Angst steigert sich bald zur Obsession. Er loggt sich in ihren Account ein und ändert den Beziehungsstatus, um die Wahrheit aus den unmittelbar hereinbrechenden Reaktionen zu filtern. Nach dieser unerhörten Begebenheit ist Funkstille.

Einige Zeit später und einen Neustart weiter hat sich auch der Desktophintergrund geändert: tabula rasa, in der Liebe wie auf dem heimischen PC. Unterdessen vertreibt sich Noah die Zeit mit „ChatRoulette“ und wird per Zufallsprinzip von einem Chatfenster zum nächsten katapultiert. Nachdem ihm eine Schar junger Mädchen seinen 15-minütigen Ruhm als Songwriter gönnt, macht er anschließend Bekanntschaft mit einem attraktiven, etwas geheimnisvollen Mädchen seines Alters. Der Film folgt einer inneren Kreisbewegung, wenn Noah dieses Mädchen nun zum Wiedersehen im facebook ermuntern will. Sie jedoch weist seine Avancen zurück und eröffnet ihm zudem, dass sie bewusst über keinen Account verfüge. Der Kreislauf ist vorerst unterbrochen.

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Gehen wir von der Prämisse aus, das Kino oder der Film müsse uns die Zeit mit ihren eigenen Mitteln beschreiben, dann gehört NOAH zu einem der bemerkenswertesten Kurzfilmprojekte dieses Jahres. Indem die Monitoroberfläche konsequent zum eigent-lichen Handlungsraum der Geschichte wird, muss auch die filmische Bildsprache den vorgegebenen Kommunikationsformen des Internets angepasst werden. Ein Zoom auf ein Chatfenster erinnert dadurch weniger an die klassischen Kameraoperationen im Kino als vielmehr an die Praxis des digitalen Lehrstocks, wie sie uns etwa in Online-Tutorials auf Youtube allgegenwärtig sind.

Dass der Film darüberhinaus dieses Wiedererkennungspotential nutzt, um seine Zuschauerinnen und Zuschauer für den Umgang mit diesen Kommunikationsplattformen zu sensibilisieren (durchaus mit erhobenem Zeigefinger), verleiht ihm nicht zuletzt den Charakter eines moralischen Lehrfilms.

Den Film könnt ihr euch hier ansehen. Viel Spaß!

Kanada 2013, Regie: Patrick Cederberg, Walter Woodman, mit: Nina Iordanova, Sam Kantor, Caitlin McConkey-Pirie

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