Kritik/TON

Zwischen Halluzination und Realität. Max Richters Soundtrack zu WALTZ WITH BASHIR (2008)

Max Richter, recomposed "Vivaldi - Four Seasons"

Max Richter im März 2012 bei einer Probe im Kleinen Saal des Berliner Konzethauses (Foto: Erik Weiss)

Es ist ein weitverbreiteter Irrglaube, dass ein Soundtrack lediglich als Beiwerk eines Films zu dienen habe. Dass wahrlich gute Filmmusik vielmehr im Begriff steht, sich zunehmend vom kinematografischen Aufführungskontext zu lösen, bewies in den vergangenen Jahren nicht nur die wachsende Beliebtheit von Filmmusik-Konzerten. Der britische Komponist Max Richter ist seit dem Erfolg von Ari Folmans „Waltz with Bashir“ zu einem gefragten Künstler in Sachen score-Musik avanciert (kürzlich steuerte er den Soundtrack für zwei weitere politisch brisante Streifen bei: „Das Mädchen Wadjda“ von Haiffaa Al Mansour und „Stein der Geduld“ von Atiq Rahimi). Was zeichnet Richters Musik aus und was macht sie zum geeigneten Klangmaterial für Folmans Film?

Von Oliver Scheid

Wer mit der Diskographie von Max Richter vertraut ist, würde sein Œuvre nicht gerade im Kontext der Filmmusik verorten. Dafür entspricht sein Werk zu sehr den Eigenschaften der minimal music: repetitive Strukturen, stabile und stets wiederkehrende Harmonien, marginale Variationen in einer simplen Tonalität. Sein Stil erinnert in dieser Hinsicht an Komponisten wie Philip Glass oder Brian Eno und tendiert eher zu Klangflächen der Ambient-Musik. Und doch ist Max Richter kein unbekannter Name im Bereich der Film- und TV-Musik. Wer jedoch eine klassische Filmmusik erwartet, die mit sinfonischen Kompositionen und orchestralen Partituren operiert, wird enttäuscht. Denn Max Richter bleibt in seinen filmmusikalischen Beiträgen seinem Stil treu: Statt einprägsamer Melodik und prägnanter Rhythmik wird man mit Klangflächen und Patterns konfrontiert.

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In den Kriegserinnerungen vermischen sich Traum(a) und Wirklichkeit: Standbild aus „Waltz with Bashir“ (Israel/Frankreich/Deutschland 2008, Regie: Ari Folman) (© Pandora Filmverleih).

Richters intelligenteste Filmmusik stellt der Soundtrack zu Ari Folmans animierten Dokumentarfilm über den ersten Libanonkrieg („Waltz with Bashir“, 2008) dar, durch den viele zum ersten Mal überhaupt in Berührung mit dem Komponisten gekommen sind. So mutig wie Ari Folman in seinem Film die Grenzen des Animations- und Dokumentarfilmgenres auslotet, so ehrgeizig ist auch Richters Musikprojekt. Bereits der erste Track des Soundtracks, „Boaz and the Dogs“, führt in die Charakteristik seiner Musiksprache ein. Für eine Minute erklingt eine Klangkulisse aus sphärischen, langgehaltenen elektronischen Tönen. Selten sind bei Richter Instrumente in ihrer klassischen Klangfarbe zu hören, oft sind sie elektronisch modifiziert, in Begleitung von Ambient-Klängen oder bordunartigen Bassfundament. Nach dieser ersten Minute übernehmen ein Bassmuster und ein Schlagzeug die Dominanz und erzeugen einen treibenden Beat. Obwohl dieser Einsatz von Rhythmik für Richter eher unkonventionell ist, wird im Film damit sehr passend die Hetzjagd von Hunden paraphrasiert bis am Ende lediglich wieder die Anfangsklänge zu hören sind und sie bis zum al niente, bis zum Nichts, verstummen.

„Waltz with Bashirs“ charakteristischstes Merkmal ist die Gratwanderung zwischen Wahrheit und Fiktion, Halluzination und Realität, Traum und Wirklichkeit. Und genau dieser Balanceakt findet sich auch in Richters musikalischer Umsetzung wieder. Nahezu alle Lieder klingen hypnotisch, nebulös und zerbrechlich als könnten sie jederzeit zerfallen, sodass man aus dem Traum erwacht. Diese Klangsprache ist auch auf Richters Alben dominierend, die keine Arbeiten für Filmprojekte darstellen. So verwundert es nicht, dass zwei Titel des Soundtracks aus seinem Album „The Blue Notebooks“ entnommen sind: „Iconography“ und „Shadow Journal“. In einem eher klassischen Gewand erklingen hingegen die Stücke „JSB/RPG“, in der ein Granatwerfer-Abschuss mit den Klängen von Bachs fünftem Cembalokonzert in f-Moll umspielt wird und der Endtrack „Andante-Reflection“, in dem Klavier und Streicher ein langsames, elegisches Motiv vortragen. Um den musikalischen Kontext in der Zeit des ersten Libanonkrieges zu verdeutlichen, bedient der Soundtrack sich bei den Liedern „Enola Gay“ von OMD (Orchestral Manoeuvres in the Dark) und „This Is Not A Love Song“ von PiL (Public Image Ltd). Letzteres wird z. B. als source-music eingesetzt als der junge Ari Folman bei seinem Fronturlaub eine Disco besucht, um seine Exfreundin zurückzugewinnen.

Die Mehrzahl des Filmes aber bilden Traumsequenzen, Erinnerungen und Halluzinationen und dementsprechend fällt auch die musikalische Sprache aus. Am eindrucksvollsten ist Richter diese Untermalung mit dem Track „The Haunted Ocean“ gelungen. Das einzige Lied, das als Leitmotiv immer wieder im Film zum Vorschein kommt und auf dem Soundtrack in fünf verschiedenen Variationen auftritt. In vielerlei Hinsicht ist „The Haunted Ocean“ die Quintessenz des Stils, den Max Richter für Waltz with Bashir vorgesehen hat. Zum ersten Mal erklingt das Stück, als in Ari Folman nach etlichen Jahren eine Erinnerung an seine Beteiligung im ersten Libanonkrieg aufflackert. Fortan fungiert diese Traumszene, in der er und seine Kameraden im Meer vor dem Kriegsschauplatz in Beirut erwachen, als visuelles und musikalisches Zentrum. „The Haunted Ocean“ setzt mit den bereits vertrauten, langhaltenden Fundamentbässen ein, die dann von Streichern flankiert werden. In der ersten Form von „The Haunted Ocean“ erklingt dazu noch eine Solo-Violine über dem Klanggerüst, die die entsprechenden Harmonien als Arpeggios eindringlich wiedergibt. Die fünfte Variation besteht ausschließlich aus dieser Solo-Violine, während die anderen Bearbeitungen eher die bedrückende und diffizile Klangfläche des Stückes betonen. Besonders im Einsatz der Solo-Violine wird die undeutliche Metrik des Stückes deutlich. Steht es im 7/8 Takt oder wird es nur mit einer extremen Form der Tempoveränderung vorgetragen? Eine Zeiteinheit scheint stets zu fehlen, es mangelt an einem Puzzlestück  zur Komplettierung, genauso wie Ari Folmans verlorene Kriegserinnerung und seine Spurensuche nach diesem fehlenden Teil.

Waltz+with+Bashir+imgDer Soundtrack zu „Waltz with Bashir“ liefert sicher keinen Ohrwurm oder eine prägnante Melodie, die man nach dem Filmgenuss vor sich herpfeifen könnte. Dafür arbeitet die Musik von Max Richter zu sehr mit sphärischen Klangfarben und –strukturen und unterliegt nicht dem Primat der Melodik. Sie verweigert sich einer klassischen Leitmotivik, in der bestimmte musikalische Thematiken immer wieder aufgenommen oder bestimmte Protagonisten charakterisiert werden. Lediglich durch „The Haunted Ocean“ wird ein musikalisches Zentrum hergestellt und ein Track offeriert, der als eine Art Theme gelten kann. Max Richter hat es verstanden, dass im Film dargestellte Wechselspiel zwischen Realität, Erinnerung und Fiktion in eine musikalische Sprache umzusetzen und es in eine adäquate Klangkulisse zu packen. Denn was ist real, was ist erdacht, was halluziniert? Die Musik gibt keine Antwort und auch der Film findet erst eine Lösung, als er sich dem „Beweismaterial“, den Dokumentarbildern vom Massaker von Sabra und Schatila, bedient. Nun allerdings ohne Musik, sondern mit sekundenlanger Stille und erdrückendem Schweigen.

„Waltz with Bashir“, OST, Tracks: 20, Label: EMI, Erstveröffentlichung: 14.11.2008

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