Fundstück/Kritik/REGIE

Sonntagsfilm: Joe Swanbergs MARRIAGE MATERIAL

MarriageMaterial

Was  passiert, wenn aus einem Paar eine Familie werden soll, wenn aus zwei Menschen zunächst zweieinhalb und schließlich drei werden? Wann ist denn nun der richtige Moment für den nächsten großen Schritt und was wird aus ihnen, wen einer sich weigert, mitzugehen?

Emily (Caroline White) und Andrew (Kentucker Audley, Betreiber der Seite NoBudge) versprechen ihren Freunden (Joe und Kris Swanberg), für einen Tag auf ihr 7-monate altes Baby aufzupassen. Windeln wechseln, den wirklich bitterlichen Schreien des Babys standhalten oder den Kleinen von den Spuren der Fütterung befreien. Emily weiß, dass der pudrige Duft von Babyhaut und der tolle Moment, wenn du als Gegenüber registriert wirst und es zurückzulächeln beginnt, nur einen kleinen und eher romantischen Teil von dem ausmachen, was es wirklich heisst, den Alltag mit einem Kind zu meistern. Dennoch bringt die kurze Erfahrung die ernsthafte Überlegung von Erwachsensein und Sesshaftwerden ins Spiel und stößt bei ihrem Freund Andrew jeodoch auf nur wenig Anklang.

Diese von Misserfolg gezeichnete, zähe Diskussion überträgt auch die ebenso starre, unbewegliche Kamera, die nicht selten so viel Abstand zum Geschehen hält, dass sie das Paar meist aus dem Nebenraum beobachtet. In langen, ruhigen Plansequenzen, die auch Leerstellen (selbst im psychologischen Sinne) aufdecken, wird der Zuschauer so Zeuge eines Momentes, der womöglich schon selbst erlebt wurde oder vielleicht auch noch bevorsteht: Die Frage vom Ende der Unbeschwertheit, vom Anfang der Ernsthaftigkeit und der Notwendigkeit, erstmals wirklich Verantwortung zu übernehmen.

MarriageMaterial1-WebIn der Art der Narration, der Komposition der Bilder und der besonders minimalistischen, intimen Darstellung von Alltäglichkeit innerhalb eines dennoch unalltäglichen Moments, erinnert Joe Swanbergs MARRIAGE MATERIAL an die Filme eines Christian Petzold, Ulrich Köhler oder Christian Hochhäuslers, denen hierzulande das Etikett „Berliner Schule“ angehaftet wird. Und auch ein bisschen vom Charakter der amerikanischen Perle unter den Independent-Serien GIRLS von Lena Dunham  hängt diesem gefühlvollen, fast kammerspielartigen Kurz-Portrait der heutigen twentysomethings an.

Der Zuschauer ist gezwungen, ganz einfach zuzuschauen. Er ist dabei, wenn Emily ihrer Freundin vom immer stärker werdenden Wunsch, Mutter zu werden, erzählt. Er ist dabei, wenn sich Andrew währenddessen seinem Kumpel anvertraut und der ganzen Sache eher skeptisch gegenübersteht. Er ist dabei, wenn sich Emily die Hochzeitsbilder ihrer Eltern ansieht und Andrew sich nicht einmal die Mühe macht, seinen Unwillen zu verbergen. Und genauso ist er dabei und kann sich diesem fast unerträglich langen Schweigen nach der 15-minütigen (!) Diskussion des Pärchens nicht entziehen, obwohl er Andrew doch am liebsten aufrütteln will und ihn anflehen, endlich einmal mit der Sprache herauszurücken und Klartext zu sprechen, anstatt sich in die Eigenarten seiner Freundin zu flüchten. Schließlich wird zwar noch kein Bäumchen gepflanzt, doch immerhin der Rasen gemäht und damit zumindest die Grundlage für ein mögliches Happy End geschaffen. Denn wie das aussieht, wenn der eine plötzlich ohne den anderen ist, zeigt auch der kurze Schwenk auf den Deckenventilator oberhalb des diskutierenden Paares: Die im Wind sich drehenden Polaroid-Portraits jedes Einzelnen, von denen immer auch mal einer dem Betrachter seine schwarze Rückseite zeigt und die plötzlich enstandene Lücke, das plötzliche fehlende Teil zum Ganzen drastisch und doch poetisch veranschaulicht.

Trotz ein paar klitzekleiner Schwächen – ein paar unnötige Längen, die einige Sequenzen dann doch aufweisen, die etwas klischeebeladenen Rollenverteilung (Sie will Babys, er nicht) oder die fehlenden Variation von ästhetischen Stilmitteln – ein sehr sehenswerter Film, der sich mit seiner ruhigen, fast bedächtigen Erzählweise ideal für so einen Sonntag auf der Couch eignet. Hier haben wir ihn also, wie versprochen, unseren ersten Sonntagsfilm für euch, der ganz kostenlos und vollkommen legal im Netz auf der Indiefilm-Plattform NoBudge zu finden ist. Viel Spaß!

Marriage Material, USA 2012, Regie: Joe Swanberg; Kamera: Adam Wingard; Drehbuch: Joe Swanberg, Kentucker Audley, Caroline White u.a.; mit Kentucker Audley, Caroline White, Joe Swanberg, Kris Swanberg, Jude Swanberg; 55 min. 

Bilder: © Swanberry Productions

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