DREHBUCH/Kritik/Retrospektive

Retrospektive #3: Sommer, Sonne, Sand und Tod. René Cléments PLEIN SOLEIL (1960)

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Sonne, Strand und Meer. Drei harmlose Wörter, die in uns unweigerlich die Urlaubsvergnügen des vergangenen Sommers heraufbeschwören. Da hat es schon etwas Subversives, wenn eine Krimiautorin beschließt, diese erquicklichen Erinnerungszutaten als Ingredienzien für die Schilderung eines heimtückischen Mordfalls zu verwenden: Die Rede ist von Patricia Highsmiths Roman „Der talentierte Mr. Ripley“ aus dem Jahr 1955. René Clément hat sich beim Dreh seines Films „Plein Soleil“ (Frankreich 1960, dt. Titel „Nur die Sonne war Zeuge“) an Highsmiths Buchvorlage orientiert. Herausgekommen ist eine ebenso dichte wie fesselnde Kriminalgeschichte, der es ebenfalls nicht an bitterböser Ironie mangelt. Nachdem die  u.a. von der Cinémathèque Française betreute Restaurierung des Werks jüngst beim Filmfestival in Cannes Premiere feierte, passte es bestens, dass wir im Sommer Gelegenheit fanden, die neue Fassung in einem französischen Kino zu sehen – fliehend vor der unbarmherzigen Hitze der provenzalischen Sonne. Für Euch haben wir den Film ein zweites Mal unter die Lupe genommen.

Von Philipp Scheid

Es ist die Collage eines vermeintlichen Urlaubsidylls, das uns die Postkartenmotive italienischer Städte und Landschaften im Vorspann des Films suggerieren. Doch die Behaglichkeit dieser Bilder beginnt schon unmittelbar nach dem Umschnitt auf ein Straßencafé irgendwo auf einer römischen Piazza zu zerbröckeln. Da maßt sich ein junger Mann (Alain Delon) an, er könne mühelos die Unterschrift seines Tischnachbarn kopieren, woraufhin er sich eifrig anschickt, auf der Rückseite einer Postkarte eine Kostprobe seines Fälschertalents abzuliefern. Sein Gegenüber, der Bohémien und wohlhabende Sohn eines amerikanischen Reedereibesitzers Philippe Greenleaf (Maurice Ronet), quittiert die Geste seines Freundes nur mit einem heiteren Lachen und zerstreut damit umgehend die tollkühne Idee. Noch am gleichen Abend stürzen sich Philippe und sein kürzlich angereister Freund Tom Ripley, der heimlich den Auftrag hat, seinen alten Schulkameraden zur Rückkehr in die Heimat zu bewegen, in das römische Nachtleben. Philippe indessen entgeht bei den gemeinsamen Unternehmungen, dass Tom den tolldreisten Gedanken vom Nachmittag noch nicht verworfen hat.

Bereits im Anfangskapitel seines Films forciert Clément das Spiel mit den Fassaden, den Oberflächen und dem ’schönen Schein‘. Es sind zunächst kleine Gesten, die irritieren und die Tür einen Spaltbreit in die seelischen Abgründe der Hauptfigur Tom aufstoßen: Nachdem die beiden Schürzenjäger während ihres nächtlichen Abenteuers ein attraktives Fräulein nach Hause kutschiert haben, liest Tom scheinbar grundlos vom Boden des Wagens einen Ohrring auf und verwahrt ihn in seiner Jackentasche.

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Nach diesem römischen Intermezzo macht die Dramaturgie des Films deutlich, dass Tom schon seit längerem Bestandteil eines Beziehungsdreiecks ist, das von ihm, Philippe und dessen Geliebter Marge (Sarah Laforêt) gebildet wird. Auf einem Segeltörn mit Philippes privater Jacht kommt wie in einem Kammerspiel unter und an Deck das ganze Krisenpotential dieser Beziehungen zum Vorschein. Tom neidet Philippe seinen luxuriösen Lebensstil und verachtet sogleich jene Momente, in denen er seine Entbehrlichkeit zu spüren bekommt. Als er das Paar fast trotzig beim Liebesspiel stört, wird er prompt mit einem Beiboot auf offener See ausgesetzt und erbarmungslos von der ‚nackten Sonne‘ verbrannt, so dass er sich ganz sprichwörtlich zu häuten beginnt. Danach jedenfalls scheint Tom nicht mehr derselbe zu sein. Hinterrücks beginnt er, gegen die beiden zu intrigieren, benutzt den Ohrring, um Marge gegen Philippe aufzuwiegeln. Wütend geht sie nach dem Streit zurück an Land. Tom und Philippe sind nun allein, Kontrahenten und Spiegelbilder in einem. Der Film macht in der physischen Zurschaustellung der Körper, insbesondere der Gesichter (bis hin zu Detailaufnahmen der Augenpartien) immer wieder Gebrauch von undurchschaubaren Oberflächen, die er dem Betrachter zum Studieren darbietet. Es ist die visuelle Lösung des Films, um die (gewollte) Metamorphose anzudeuten, um die es hier geht: Tom will Philippe werden und für dieses Ziel hat er schon vor einiger Zeit einen mörderischen Plan geschmiedet. Als die Tat auf hoher See, allein unter Zeugenschaft der Sonne, geschieht, erhebt sich plötzlich mit tosendem Geschrei das Meer. Der Umgebungston des Windes und der Wellen, auf denen das Boot wie ein Spielball der Elemente auf und ab hüpft, wird so verstärkt, als habe Clément damit zu zeigen versucht, wie die Natur mit aller Gewalt sich gegen Tom und sein Verbrechen zur Wehr setzen wolle.

Nachdem es ihm gelungen ist, die in eine Plane eingewickelte Leiche, vom Anker beschwert, im Meer zu versenken, beginnt erst das heikle Doppelleben. Mit größter Akribie interessiert sich der Film vor allem für jene Passagen des Romans, in denen beschrieben wird, wie Tom Ripley sich die Identität seines toten Freundes schrittweise zu eigen macht. Auffällig ist die Genauigkeit, mit der Clément die improvisierte ‚Laborarbeit‘ des Fälschers inszeniert: Das pausenlose Perfektionieren der Unterschrift, gipfelnd schließlich in dem Kunststück, Philippes Pass täuschendecht zu manipulieren. Analog zu den Oberflächen der Körper geht es auch hier um Äußeres. Nicht zuletzt macht der Film seinen Zuschauer damit zum Ermittler, indem er ihn auf eine kriminalistische Spurensuche schickt. Denn besteht der suspense-Faktor dieser story nicht in der Frage, ob diese Details auch vor den wachsamen Augen der Kommissare und Angehörigen bestehen können?

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Doch das Schicksal scheint dem Antihelden nicht abhold zu sein, auch nicht, als Tom sich gezwungen sieht, einen weiteren Mitwisser aus dem Verkehr zu ziehen. Anders als im Buch, wo Tom Ripley etwas unbeholfen, zuweilen ängstlich, immer aber vorausschauend zu Werke geht, mimt Delon die Hauptfigur impulsiv und narzisstisch. Selbst der tote Fisch auf dem Marktplatz vermag seinem Tom Ripley keinen noch so winzigen Gewissensbissen entlocken. Und: Der Ripley in diesem Film ist nicht nur an einem neuen Leben interessiert, er gehorcht einem noch perfideren Trieb: Alles, was Philippe einst gehörte, soll auch ihm gehören. Die Frauen bilden da keine Ausnahme.

Am Ende scheint Toms Plan aufzugehen. Die Polizei tappt weiterhin im Dunkeln und Marge sowie Philippes gerade eingetroffener Vater regeln das testamentarische Erbe, das Philippe (alias Tom) kurz vor seinem (fiktiven) Selbstmord an Marge vermacht hat. Es ist Tom dadurch nicht nur gelungen, sich seiner zweiten Identität endgültig zu entledigen, er hat, wenn man so möchte, Philippe ein zweites Mal mit der Schreibmaschine umgebracht.

plein-soleil-10-03-1960-5-gIn der Nähe einer Strandbar sonnt sich Tom gerade in dem Triumph, das perfekte Verbrechen begangen zu haben, als die Wirtin ihn für einen Augenblick zu zwei Männern an die Theke bittet. In der folgenden Einstellung sehen wir auf die naheliegende Hafenbucht: Soeben entrollt ein Schiff sein pechschwarzes Segel, das wie ein Bühnenvorhang herabfällt. Wir wissen seit der Theseus-Sage, seit Tristan und Isolde, dass dieses (literarische) Motiv nur Unheil und Tod verheißen kann. Unter diesem Vorzeichen also schreitet Tom Ripley nichtsahnend seinem Schicksal entgegen.

Es ist nur aufgrund dieses ganz und gar galligen Finales, dass wir Clément den moralischen Schlussappell des „Crime doesn’t pay!“ nicht übel nehmen. Auch nicht, dass er es vermieden hat, Ripley (wie im Roman) ungestraft davonkommen zu lassen, damit er sein kriminelles Talent anderweitig unter Beweis stellt. Aber das wäre eine andere (Film-)Geschichte.

Plein Soleil (Nur die Sonne war Zeuge), Frankreich 1960, Regie: René Clément, Kamera: Henri Dacaë, Schnitt: Françoise Javet, Musik: Nino Rota, mit Alain Delon, Maurice Ronet, Sarah Laforêt u.a.

Die restaurierte Fassung des Films ist seit August 2013 auch hierzulande auf DVD (Studiocanal) erschienen.

Bilder: © StudioCanal

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