KAMERA/Kritik

Am Anfang war die Bleistiftzeichnung. Ein Streifzug durch die Ausstellung „PIXAR – 25 Years of Animation“

John Lasseter: Luxo (für: Die kleine Lampe, 1986), Giclée © Disney/Pixar Figuren

Ein Menschenpulk schleppt sich zum Eingang der Ausstellung: die Pforten sind geöffnet. Am Empfang, gleich hinter dem Museumswächter, werden die Besuchermassen von Mike und Sullivan, dem ungleichen Ungeheuer-Duo aus „Monsters Inc.“ (2001), begrüßt. Ihr nahezu lebensechtes Fellkostüm fordert sofort einige Gäste dazu auf, neben den farbigen Sonderlingen für ein „Starfoto“ zu posieren.

Unbestreitbar sind die beiden Monsterfreunde die heimlichen Maskottchen jener Schau, die seit wenigen Wochen unter dem kegelgekrönten Dacht der Bonner Bundeskunsthalle zu sehen ist. Dort gewähren die Pixar Animation Studios, beheimatet in Emeryville bei San Francisco, derzeit einen Einblick in ihre Ideenschmiede, die seit immerhin 25 Jahren Bestand hat. Die Antwort auf die Frage, was Animationskunst im Museum überhaupt zu suchen habe, blieb Museumsdirektor Robert Fleck den Besuchern bei seiner Eröffnungsrede nicht schuldig und spätestens nach der Besichtigung der Ausstellung war auch den Besuchern klar: bei Pixar geht es bisweilen zu wie im Werkstattbetrieb eines barocken Meisters.

von Philipp Scheid

Empfangsraum der Ausstellung © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland (Foto: David Ertl)

Der Kunsthistoriker Erwin Panofsky (1892-1968) war zu Lebzeiten ein bekennender Fan der Zeichentrickfilme von Walt Disney, dem geistigen Ahnherrn der Pixar Studios. In seinem Essay „Stil und Medium im Film“ schrieb er: „Die wirkliche Tugend des Zeichentrickfilms (animated cartoon) ist es, zu verlebendigen (animate), das heißt leblosen Dingen Leben zu verleihen und lebendigen Dingen eine andere Art Leben.“

Ironischerweise war es im Falle von Pixar eine Schreibtischlampe, liebevoll „Luxo“ getauft, die zuerst das Licht der Welt erblickte. Bis heute ist diese Leuchte, die sein Erfinder John Lasseter 1986 in dem animierten Kurzfilm „Luxo Jr.“ in verblüffender Elastizität und Beweglichkeit zeigte, das Markenzeichen der Company geblieben. „Luxos“ Schöpfer wurde schließlich Chief Creative Officer, Oberhaupt des Künstlerstabes, der bei Pixar tätig ist.

Auch in der Ausstellung geht es daher nicht primär um die fertigen Endprodukte – ohnehin waren diese an jenem Abend in den Köpfen der meisten Besucher, vor allem der zahlreich erschienenen Kinder, präsent – sondern darum, wie diese auf der Leinwand zum Leben erweckt werden.

Steve Pilcher: Kanalisationsentwurf (für: Wall-E, 2008), Filzstift und Bleistift © Disney/Pixar WELTEN (RAUM UND ZEIT)

Am Beginn des Spaziergangs durch die weitverzweigten Themen- und Filmareale des Universums Pixar stehen zunächst eine Unternehmenschronik (in Form einer 25 Jahre überspannenden Zeitleiste) und eine technische Einführung in die einzelnen Etappen der Werkgenese – vom Drehbuch und Storyboard, über das Figuren- und Ausstattungsdesign bis hin zum finalen Renderingprozess.

„Toy Story“ (1995) – ein Pionierwerk, da es sich um den ersten vollends am Computer entstandenen Langspielfilm handelt – sowie seine beiden Sequels bilden hiernach ein Fallbeispiel für die drei Grundpfeiler, die nach John Lasseter das Fundament jedes Pixar-Films bilden sollten: „story“-„character“-„world“. Illustriert werden die einzelnen Teilbereiche durch Storyboards, „digital drawings“ und plastische Modellfiguren, die einen ersten dreidimensionalen Eindruck der Figur wiedergeben sollen. Eingerahmt, unter Vitrinen liegend oder auf Sockeln stehend, erscheinen diese Materialsammlungen durchaus wie autonome Kunstwerke. Fernab der fertigen, am Computer generierten Hochglanzbilder ist sogar – folgt man der Ausstellungsregie – etwas von einem klassischen Akademiebetrieb spürbar, in dem Malerei, Zeichnung und Bildhauerei unter einem Dach vereint sind. Und wie der „disegno“ in der Kunstliteratur der italienischen Renaissance seinen Sonderstatus als transparenteste Form der künstlerischen Idee vertrat, so veranschaulicht hier das Pixar-Design, die Schönheit der Skizze, das kreative Potential dieses „Filmateliers“.

Ob nun das schillernde Schuppenkleid der fischigen Helden aus „Finding Nemo“ (2003), die Architekturzeichnungen zu „The Incredibles“ (2004), die wie Lou Romanos Guache „Syndromes Versteck“ mitunter an Ken Adams Set-Design für die James Bond-Filme denken lassen oder ein sich im melancholischen Gestus gebährender „Ego“ (aus „Ratatouille“), an dem etwas von den langgliedrigen Figuren Modiglianis haftet – überall, an jeder Ecke der Ausstellung, wird der Kunstanspruch dieser Arbeiten deutlich.

Greg Dykstra: Karl (für: Oben!, 2009), Urethanharzabguss © Disney/Pixar FIGUREN

Auch das filmische Medium sowie neueste technologische Errungenschaften, mit denen die Traditionen der Handarbeit letztlich zusammenfließen, haben in dieser Schau ihren Platz. Da ist zum einen die Bild- und Klanginstallation „artscape“ von Andrew Jimenez und Gary Rydstrom, in der sich sprichwörtlich in die gezeichneten Studien eintauchen lässt. Demgegenüber verweist das „Zoetrop“ auf die Magie der frühen Kinematographie. Einer Wundertrommel nachempfunden, sind auf einem Karussell dreidimensionale Figurenreihen angeordnet. Wenn die Plattform sich dreht, beginnt Stroboskoplicht aufzuflackern, dadurch entsteht ein „Daumenkino-Effekt“: Die Spielzeugfiguren scheinen mit einem Male zum Leben erwacht zu sein, sind in der Tat zum Greifen nahe.

Am Ende erscheint „Toy Story“ wie ein Gleichnis der Pixar-Werkstatt, sind doch all die beteiligten Künstler, all die Konstrukteure der Leinwandphantasien letztlich Erbauer ihrer Charaktere, denen tatsächlich Bausätze (sogenannte „Modellpakete“) zugrunde gelegt werden. Wie Pygmalion scheint hier ein jeder Künstler seine Wesen mit dem Stift, mit den Händen zu umschmeicheln. Was jedoch die Liebesgöttin im antiken Mythos richten sollte, erledigt hier, als eine Art dea ex machina, die Computermaschine: Galatea erwacht zu (künstlichem) Leben.

Zoetrop © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland (Foto: David Ertl)

Zurück im Museumsfoyer lässt sich zwischen digitalen Welt und Realität kaum noch unterscheiden. Den Besuchern wird auf Kosten des Hauses (echtes) Ratatouille serviert, während sich mein Blick in einem riesigen Bouquet aus bunten Luftballons verfängt. Ich wage nicht daran zu zweifeln, dass es ein Wohnhaus in die Lüfte tragen könnte.

PIXAR – 25 Years of Animation / 6. Juli 2012 – 6. Januar 2013 / Bundeskunsthalle Bonn

Zur Ausstellung gibt es ein umfangreiches Begleitprogramm: http://www.bundeskunsthalle.de/ (Ausstellungen > PIXAR > Rahmenprogramm)

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