Kritik/REGIE

FDDF 2012: Ein Film wie ein Förderturm. Dominik Grafs „Lawinen der Erinnerung“

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Nach einer strapaziösen Autofahrt durch winterliches Unwetter begegnen sich im Dezember 2010 in Deining bei München die Filmemacher Dominik Graf und Oliver Storz. Man kennt einander nur flüchtig, gemeinsames Bindeglied ist die Bavaria Film, eines der größten deutschen Studios für Film- und Fernsehproduktionen, für die beide im Laufe ihrer Karriere tätig waren. Graf ist beeindruckt von der soignierten Gestalt des betagten Regisseurs, der mit „Drei Tage im April“ (1994), „Im Schatten der Macht“ (2003), „Die Frau, die im Wald verschwand“ (2009) – ganz zu schweigen von der Sci-Fi-Kultserie „Raumpatrouille“ (1966), die ebenso auf seine Kappe geht – längst Fernsehgeschichte geschrieben hat. Storz ist aber nicht nur Zeitzeuge der westdeutschen Fernsehproduktion der Nachkriegszeit, er ist auch der Mensch Oliver Storz, durch den die Zeit wie in einem Flussbett hindurchgeflossen ist und in dem sich Bilder, Gedanken, Fragen als Sedimente der Erinnerung abgelagert haben. Graf erkennt die Dringlichkeit eines Interviews ehe Storz seiner längst diagnostizierten tödlichen Krankheit erliegt, und mit ihm auch das verschwindet, was er zu sagen gehabt hätte.

Gesehen auf dem 8. Festival des deutschen Films!

von Philipp Scheid

Stille im Gebirge

In seinem Deininger Haus empfängt Oliver Storz seinen filmischen Porträtisten zu langen Gesprächssitzungen. Bereitwillig und gelassen stellt er sich den Fragen seines jüngeren Kollegen. Graf wiederum lässt Storz‘ Stimme die nötige Zeit, um sich zu entfalten. Eine wohlüberlegte Strategie, um die Schleusentore seiner Erinnerung sacht zu öffnen und den Strom seiner Geschichten hervorquellen zu lassen. Und siehe da: Bald schon greift Storz zu einem Stapel Papier und skizziert zur Veranschaulichung die Schauplätze seines Lebens, gerade so als handele es bei ihnen um präzise Grundrisse potentieller Filmsets.

Staublawinen

Filmreif erscheint nach und nach Storz‘ eigenes Leben, angefangen mit jugendlichen Schwärmereien und (Liebes-)Abenteuern. Noch 1944, bevor er und seine Freunde vom „Volkssturm“ einkassiert und zum letzten Aufgebot an der „Heimatfront“ beordert werden, verbringen die Burschen die letzten Tage im Freibad, wo sie vom Beckenrand aus die Angebetete im unverschämt roten Badeanzug – Lore ist der Name dieses roten Engels – bei ihrem einstudierten Parcours beobachten ehe sie hinter grünem Gebüsch (welch Farbkomposition in dieser beiläufigen Szene) in der Gesellschaft einiger Offiziere untertaucht. Der Literat, der Storz auch ist, hat diese Schilderung zu einer zentralen Sequenz seines autobiographischen Romans „Die Freibadclique“ (erschienen 2009) gemacht. Graf, der eine sichtliche Freude daran hat, diese Episode in seinem Dokumentarfilm nachzustellen (in der Tat spielte er anfänglich mit dem Gedanken, den Stoff zu verfilmen), verweist damit nicht zuletzt auch auf das kinematographische Potenzial, das der Sprache von Oliver Storz innewohnt.

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Schneebrettlawinen

Die Erinnerung kommt stoßweise, und meistens dann, wenn man es am wenigsten erwartet – das vielleicht ist die eigentliche Parallele zu den „Lawinen“, die der Titel der Films heraufbeschwört. Gedanken, die Partikel des Erinnerns, lösen sich wie Schneebretter. Kriegsdienst an der Front: Tod, Leid und die erste Zigarette, die die Angst im Qualm aufzulösen scheint. Während Storz, nun wieder der Alte mit Seidenschal und silbernem Haar, vom Aufbau und Leben nach dem Krieg berichtet, steigt schnurgerade der Rauch seiner Zigarette auf, verwirbelt dann – eine schöne Illustration des Denkens.

Nach dem Abitur, dem Studium in Tübingen, folgen die ersten Schritte in den Kulturbetrieb als Feuilletonist und Theaterkritiker, schließlich als Filmemacher. Als Drehbuchautor experimenteller Fernseharbeiten, seltsamen Hybridformen zwischen Film und Theater wie „Jeanne oder die Lerche“ (1966, hier Arbeit als Co-Autor neben Jean Anouilh und Franz Geiger), hat Storz für kurze Zeit unter der Ägide des Filmproduzenten Helmut Jedele Anteil an einem Fernsehen als moralische Anstalt, die dem Vergessen der jüngsten Vergangenheit die Stirn bietet. Ein (am Ende gescheiterter?) Versuch, dem von Bildern manipulierten Volk in jenen Jahren ein Gegengift zu injizieren. Die Anerkennung, die sich Storz bei der Fernseharbeit erwirbt, muss sich jedoch bald dem Zerstreuungswillen des Publikums beugen. „Raumpatrouille“ heißt das nächste, ihm aufoktroyierte Projekt. Aus Scham, der ihn noch bis zum Zeitpunkt des Interviews zu verfolgen scheint, schafft sich Storz unter dem Pseudonym W. G. Larsen eine fiktive Identität. Ist W. G. Larsen für Storz zu einem alter ego geworden, einer Versuchung, der permanenten Erinnerungsarbeit zu entkommen, wie es Dominik Graf als These formuliert? Doch Oliver Storz‘ weiterer Werdegang führt ihn zu historischen Themen, zur Chronik seines Landes und seines eigenen Lebens zurück. Reale Orte wie Schwäbisch-Hall, in dem er aufwuchs, werden nun tatsächlich zu Drehorten. Grafs virtuose Collage aus Ausschnitten von Storz-Filmen unterstellt auch dies: dass in den zahlreichen Schauspielern, ihren Mienen und Haltungen (siehe Stefan Kurt in „Gegen Ende der Nacht“, Matthias Brandt in“ Drei Schwestern made in Germany“ oder Michael Mendl als Willy Brandt in „Im Schatten der Macht“) auch etwas von Storz selbst zu finden ist.

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Schneisen der Verwüstung

Der Mann im Sessel, der zwischen seinen Büchern oder am Schreibtisch sitzt, versunken in das unaufhörliche Tagwerk des Erinnerns, setzt sich den Fragesätzen, die manchmal im Off von Dominik Graf selbst eingesprochen werden oder als Inserts im Bild aufscheinen, stoisch aus. „Wie mit einem Drillbohrer“, resümierte Graf im Filmgespräch, habe Storz die unterirdischen Kammern seines Gedächtnisses aufgestoßen, und er sei zur Stelle gewesen, wenn es die Quellen mit dem Förderturm seines Films anzuzapfen galt. Aus diesem Rohstoff hat Dominik Graf seine Dokumentation gefertigt, die immer mehr und immer kunstvoller zum Porträt eines Mannes gerinnt, einer Stimme, die mit vielen Vorurteilen und Gemeinplätzen über geschichtliche Ereignisse und Geisteshaltungen aufräumt. Mit den „Lawinen der Erinnerung“ sind letztlich auch die Schneisen der Verwüstung gemeint, die sie beim zuschauenden Zuhörer (oder vice versa) hinterlassen.

In einer zweiten Drehphase, einige Zeit später, ist dem Aussehen von Storz bereits seine fortschreitende Erkrankung abzulesen. Fragen über den Tod werden nun offen zwischen den Gesprächspartnern thematisiert, auch das reservierte Verhältnis zum Vater, der dennoch eine wichtige Bezugsfigur in Storz‘ Leben war, kommt zur Sprache. Dies ist insofern bemerkenswert, da sich auch Graf in „Denk ich an Deutschland … – Das Wispern im Berg der Dinge“ auf die Suche nach seinem eigenen, früh verstorbenen Vater, dem Schauspieler Robert Graf (1923–1966), begeben hatte.

Der Schnee und das Leichentuch

In diesem filmischen Gewebe, einem Totentuch für Oliver Storz, ist alles aufs Dichteste zusammengefügt, miteinander verwebt: Geschichte, Biographie, Film. Gestalten der Vergangenheit wandeln ihr Aussehen, kehren zurück. Der Fluss der Erinnerung mäandriert, er lässt sich nicht leiten, nicht begradigen. „Bleibt übrig!“ hatte Lore, die junge Frau im roten Badeanzug, den Jungen im Freibad einst nachgerufen. Für Oliver Storz, so stellt es Dominik Graf dar, wurde dieser Satz zu einem lebenslangen Echo, einem Fatum auch, denn er überlebte den Krieg. Wenn diesem Film ein ähnliches Schicksal beschieden sein wird, so wird Oliver Storz auch weiterhin am Leben bleiben und mit ihm ein Stück Fernsehgeschichte, in die sich auch Dominik Graf mit seinen Arbeiten längst eingeschrieben hat.

Lawinen der Erinnerung, D 2011, Regie und Drehbuch: Dominik Graf, Kamera: Martin Farkas

Oliver Storz: Die Freibadclique, 272 Seiten, List Taschenbuch (Februar 2011)

Oliver Storz: Als wir Gangster waren (Romanfragment und Erzählungen), 192 Seiten, Graf Verlag (März 2012)

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