Kritik/REGIE

Das Meer in ihr. „Kotoko“ von Shinya Tsukamoto

Das Meer ist von Natur aus gegensätzlich. Die griechische Mythologie lehrt uns beispielsweise, wie es (gemeint ist sein Regent Poseidon) Odysseus und seine Mannen unzählige Tage auf hoher See gefangenhielt. Andererseits war es das Meer, das aus Schaum, wie es heißt, die Schönheitsgöttin Aphrodite gebar. Etwas von dieser Zwiespältigkeit steckt auch in Kotoko, der jungen Protagonistin in Shinya Tsukamotos gleichnamigen Film, gesehen auf der diesjährigen „Nippon Connection“ in Frankfurt am Main.

von Philipp Scheid

„ […] das Meer rauschte sehr laut, ein Durcheinander großer Stimmen, die sich überschrien und einander ins Wort fielen.“

Eduard von Keyserling: „Wellen“

Prolog: Ein junges Mädchen am Strand. Das Rauschen der anbrandenden Wellen wird lauter und vermischt sich mit einem ohrenbetäubenden Schrei. Diese Eingangssequenz – das Kind, das Meer, der Schrei – wird eine einprägsame Folie bleiben für alles, was folgt. Hinter dieser Motivkette verbirgt sich eine tiefe Verwundung.

Wie ein Nachbeben dieser Erschütterung aus Kindertagen wirken die verwackelten Handkamerabilder, die uns den Alltag des zur jungen Frau herangewachsenen Mädchens näherbringen: Kotoko (Cocco) ist alleinerziehende Mutter eines kleinen Jungen und haust in einem Apartment am Rande einer ungenannten Stadt. Hermetisch hat sich hier eingenistet: Die verhangenen Fenster filtern und streuen schmutziges Sonnenlicht, an den Wänden baumeln Girlanden von Lichterketten. Außerhalb dieses Betonbunkers kann sich Kotoko nicht sicher sein. Für sie verläuft durch die Welt ein innerer Riss, der ihren Blick aufgespalten hat: Sie sieht ihre Mitmenschen stets in Begleitung eines bösen Zwillings, der nach einigen Sekunden der Reglosigkeit immer das Gleiche von ihr will: sie greifen, prügeln, ihr das Kind entreißen.

Dieser schizophrene Blick verwandelt Kotokos Leben in einen permanenten Wahnzustand. Doch selbst in den vermeintlich geschützten Wänden überschlägt sich zuweilen die Geräuschkulisse des Films, wird zu einer Kakophonie aus zischendem Pfannengemüse, kindlichem Heulen und einem finalen Schlussakkord, bei dem ein Teil des Kücheninterieurs in die Brüche geht. Die Mutter ist mit der Erziehung des Jungen überfordert, so dass sie ihn vorübergehend in die Obhut der Schwester gibt. Sie lebt an der Küste, weit weg vom dröhnenden Lärm der Großstadt. Nur schwer kann Kotoko diese Situation ertragen. Was ihr hilft: der Gesang, mit dem sie den Sturm ihrer Gefühle stellenweise zu bändigen weiß. Himmlisch, zart und feinfühlig sind die Töne, die sie dann erzeugt, so schön, dass sie einen Fahrgast im Bus wie das Lied einer Sirene zu betören scheinen.

Während der Besuchszeiten an der Küste, wo ihr Kleiner ein Leben in arkadischem Frieden und familiärer Harmonie zu führen scheint, nähern sich Mutter und Sohn von Neuem einander an. Beide erobern sich das verlorene Paradies der Kindheit zurück. Nicht zufällig ist der Schauplatz am Meer gewählt, das diesmal einen ruhigen Kontrapunkt zur bewegten Großstadtatmosphäre setzt. Doch die Besuche sind nur von kurzer Dauer, der Abschied schmeckt bitter und nur schwer lässt sich die Trauer kaschieren. In der Wohnung betäubt Kotoko den Schmerz, indem sie sich mit Rasierklingen in den Unterarm ritzt. Es ist wie eine Droge, ein zeitweiliger Rausch, dem Verlauf der roten Blutfäden zu folgen, verlockend, auf dem schmalen Grat von Leben und Tod zu balancieren. Dann tritt ein Mann in ihr Leben (gespielt von Tsukamoto selbst). Er ist Schriftsteller, wie sich herausstellt, und begehrt die kühle, magere und ungezähmte Kotoko seit er im Bus von der Melodie ihrer Stimme ergriffen worden ist. Um Eintritt in ihr Leben zu erlangen, setzt er, der in ihren Augen auch nur ein böser Doppelgänger hätte seien können, sich aufopferungsvoll jeglichen Marterungen seiner Geliebten aus. Er setzt damit ein Zeichen, gibt die Kontrolle an Kotoko zurück. Als er ihr gerade wieder zu einem stabilen Leben verholfen hat, verschwindet er von der Bildfläche. Beinahe ist der Zuschauer geneigt, auch in dieser Erlöserfigur letztlich nur eine Phantasmagorie zu sehen.

Die Fehlstelle, die der eine hinterlässt, wird bald durch die Rückkehr des Sohnes geschlossen. Doch die Dämonen, die vertrieben schienen, kehren zurück. Der Rückfall ist schlimmer als zuvor: schwarz gekleidete, vermummte Soldaten, die Kotoko „live“ auf dem Fernsehbildschirm – einer medialen Katastrophenmaschine, möchte man meinen, deren Nachrichten ein Kokon aus Angst um Kotokos Seele weben – zu sehen glaubt, stürmen ihre Wohnung und wüten dort wie auf einem Schlachtfeld. In dieser Welt, der Welt der Mutter, darf ein Kind nicht aufwachsen, beschließt Kotoko mit letzter, grausamer Konsequenz. Ihr Restleben, das im Dekor ihrer Wohnung – den bunten Lichtern, den roten Stofflianen, dem Puppenhausinterieur – überlebt hat, stürzt zusammen wie ein Kartenhaus. Wie bei einem Kulissenwechsel werden mit einem Male vor Kotokos innerem Auge die Wände ihrer Wohnung ausgetauscht, um den letzten Akt vorzubereiten.

Hier nun, im Epilog, hat die Kamera den subjektiven Blick gänzlich aufgegeben und zeigt uns Kotoko als Insassin einer geschlossenen Anstalt. Wie viel Zeit seither verstrichen ist, verrät das Knabengesicht, das regelmäßig an der Türschwelle zum Besucherzimmer erscheint, um seiner Mutter Gesellschaft zu leisten. Noch in diesen Momenten spendet der Film Hoffnung durch die vertrauten Gesten, die eine innige Vergangenheit zwischen Mutter und Kind bezeugen. Bezeichnend ist hier der Rollenwechsel: Jetzt ist es der Junge, der zurückgelassen ist und der an die gemeinsame Erinnerung appelliert, um das Vertrauen der Mutter zurückzugewinnen.

„Kotoko“ ist ein in sich äußerst gespanntes Filmprojekt, das den Zuschauer eine sensualistische Tortur (des Sehens und Hörens) durchleben lässt. Dafür wird man jedoch entlohnt, oder besser: besänftigt durch ruhevolle Passagen und die Gesangseinlagen der Hauptdarstellerin Cocco. In der anschließenden Fragestunde mit dem Regisseur gab Tsukamoto, der 2011 in Venedig für „Kotoko“ den Orrizonti-Award holte, zu verstehen, dass das Konzept zwischen ihm und seiner Haupdarstellerin entstanden sei. Cocco, die in ihrer Heimat Japan geradezu als Kultsängerin verehrt wird, wird sich ihrer Strahlkraft bewusst gewesen sein. So wirkt „Kotoko“, auch dank des intensiven Schauspiels, bisweilen wie das japanische double von „Dancer in the Dark“ (2000), mit dem Tsukamotos Werk auch auf ästhetischer Ebene einige Gemeinsamkeiten aufweist. Lars von Trier jedenfalls dürfte gewiss seine Freude an dem animistischen Ausdruckstanz gehabt haben, mit dem Kotoko am Ende den herabströmenden Regen beschwört: Hier scheint es, als habe sie den Kampf gegen das Meer in ihr überstanden.

Und wieder fällt mir Keyserling ein, dem es in seinem Roman „Wellen“ (1911) wie keinem anderen Schriftsteller zur Zeit des wilhelminischen Kaiserreichs gelungen sein dürfte, das Wesen der Ostsee mit dem Schicksal der an seinen Ufern promenierenden Besucher auf so sinnlich-poetische Weise zu verflechten:

„Das Wehen, das vom Meere kam, das Rauschen unter ihr, das goldene Fließen und Flimmern ringsumher, all das schien sie zu zwingen und zu schaukeln, und dann war es ihr, als fiele sie, fiele sie in einen Abgrund von Licht, das sie dennoch trug und hielt.“

Kotoko, Japan 2011, Regie u. Drehbuch: Shinya Tsukamoto, Kamera: Satoshi Hayashi, Shinya Tsukamoto, mit Cocco, Shinya Tsukamoto u. a.

Bilder: © Gold View Company Ltd.

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