Kritik/night watch/REGIE

night watch #2: Das Herz ist ein dunkler Wald (2007)

„How surreal can you get?“ fragt die Einladungskarte Marie und Thomas. Dann zerbricht ein rohes Ei am Frühstückstisch, im Geigenkoffer wird das Instrument gegen die Puppe ausgetauscht, Marie schwingt sich aufs Fahrrad und folgt dem Auto ihres Mannes. Die Odyssee beginnt. Was passiert, wenn schließlich alle Masken fallen und die Welt tatsächlich zur Bühne wird? Was passiert, wenn einer hinter den dicken, roten Vorhang huscht und einfach aufhört mitzuspielen? Nicolette Krebitz zeigt in „Das Herz ist ein dunkler Wald“ (surreale) Szenen einer Ehe.

Von Ann-Christin Eikenbusch

Thomas (Devid Striesow) ist Musiker und Teil eines Klassik-Trios, mit dem er am Abend auf dem mit der Karte angekündigten Maskenball spielen soll. Marie (Nina Hoss) ist Hausfrau und Mutter, die die Party zwar irgendwie albern findet, ihren Vorderzahn jedoch prompt mit Kajalstift schwärzt. „Be part of the act!“ fordert die Karte auf. Nach einem kleinen Streich der Tochter muss Marie ihm zur Arbeit hinterherradeln. –Und landet dabei nicht an der Philharmonie, sondern bei einem Appartment, das ihrem eigenen gar nicht unähnlich ist. Thomas führt ein Doppelleben.

Auch hier gibt es ihn mit einem Kleinkind am stylischen Frühstückstisch, Marmelade und Toastbrot vom schwedischen Geschirr, die Designklassiker in der Ecke und Kunstdrucke an den Wänden und die morgendliche Sonne, die durch die komplett verglaste Wandfläche wie an jedem anderen Tag strahlt. Die Appartments der besserverdienenden, gutbürgerlichen, jungen Bio-Hipster-Familien ähneln sich nunmal. Was wir hier jedoch vorfinden ist eine dreiste Kopie. Was wir hier vorfinden ist alles, außer hip.

Hip war hier schon längst nichts mehr. Nüchtern betrachtet die Kamera den morgendlichen Alltag der beiden. Der eigentlichen beiden. Hier werden Späße mit den Kindern gemacht, da wird gelangweilt über die Pläne der kommenden Wochenenden geredet. Noch schnell einen Quicki dazwischen schieben, bevor es zur Arbeit geht. Macht man ja so unter Paaren, das Miteinanderschlafen. Das gehört zum Spiel dazu. Mit dem angesagten Kiehl’s-Shampoo wird dann das Haar gewaschen und sich schließlich stylisch und doch seriös gekleidet, um dem Ritual der perfekten Familie beizuwohnen. Ziemlich durchgeplant das Ganze. Und vor allem: Ziemlich austauschbar. Da sitzt der Biedermeier mit Doppelrolle im lässigen Hipster-Kostüm.

In kurzen Sequenzen schiebt Nicolette Krebitz hier immer wieder achronologische Rückblenden ein, die als Theater-Proben zwischen Marie und Thomas auf der nackten Bühne mit schwarzer Kulisse umgesetzt werden. Sie zeigen uns Szenen ihrer Beziehung, Szenen ihrer Ehe. Vom ersten Aufeinandertreffen mit den Eltern über die ungeplante Zeugung ihres Kindes bis hin zum schließlichen Auseinanderleben und den Auseinandersetzungen, an dessen Stelle dann auch wir als Zuschauer mit eingestiegen sind. Wir erfahren, dass Marie schwanger wurde, bevor sie sich selbst eine Karriere als Musikerin aufbauen konnte und die Instrumente schließlich im Keller ließ. Der Mann verdient doch das Geld. Das reicht locker für beide. Und überhaupt: „Bald ist der Kleine ja im Kindergarten, dann kannst du weitermachen wie vorher!“ Das war es wohl, was die unbeschwerten Lebens-Künstler in spießige Lebens-Manager verwandelte. „Sag mal, hast du eigentlich ’ne Geliebte?“, fragt die betrunkene Marie witzelnd in einem dieser Momente.

Marie ist traumatisiert, flieht in ihr eigenes Heim, zurück zu den Kindern, die sie doch eigentlich nur ganz kurz aus den Augen lassen wollte. Zuhause angekommen, lässt sie das Gas strömen, schließt die Fenster, setzt sich mit den Kindern zurück an den gedeckten Tisch. Das Telefon klingelt, sie verlässt den Raum. „Mensch Mama, du hast den Herd angelassen!“

Nach einer Nacht voller Zusammenbrüche und Heulattacken, wehmütiger Erinnerungen und tiefster Verzweiflung beschließt sie, Thomas zur Rede zu stellen. Sie mischt sich unter das Publikum des Maskenballs, setzt sich eine Perücke auf den Kopf und folgt Thomas unauffällig auf Schritt und Tritt. Es gibt Schreie und Vorwürfe, noch mehr Tränen und noch mehr Verzweiflung. Es ist vorbei. Es ist endgültig. Sie flüchtet sie sich in einen dunklen Wald am Rande des Anwesens, der Ort, an dem sich alles zuspitzt, an dem sie ihren Entschluss fasst, an dem der Farbverlauf der Geschichte von hell zu dunkel seinen nahezu  äußersten Punkt erreicht. Den düstersten Moment der gesamten Odyssee erleben wir schließlich am nächsten Morgen: Marie inszeniert sich als moderne Medea, als Rächerin ihrer verlogenen Ehe, ihres verpfuschten Lebens, ihrer persönlichen Opfer.

Während schon die gesamte Geschichte vom Berliner Schule-Realismus hin zu mystischer, surrealer Erzählung (Künstler Jonathan Meese als Mini- Jesus, der vom Kruzifix steigt und einfach unter der Tür hindurch abhaut, Hänsel und Gretel als Gute-Nacht-Geschichte für die Kinder der Gastgeber und und und..) schwankt, lässt sich im Wald das Märchenhafte besonders spüren , ist dieser dunkle, tiefe Ort doch nicht umsonst ein beliebter Schauplatz für all die Sagen um Bösewichte und Hexen, um die Figuren unserer schlimmsten Albträume. Hier wartet vor allem einer auf die unschuldigen Passanten: Der böse Wolf.  „Das Herz ist ein dunkler Wald, denn dort haben wir Angst und sehen unsere eigene Hand vor Augen nicht“, erklärt Krebitz selbst.

„I am done with you“, singen The Whitest Boy Alive nun aus dem Off. Der Vorhang fällt. Die Scheinwerfer gehen aus. Die Vorstellung ist zuende. Marie verlässt die große Bühne, spielt nicht mehr mit, nimmt die Maske ab.  Keine Verbeugung, keine Zugabe. Nur tiefes Schwarz, tiefste Dunkelheit. „I am done with you. I’m sailing my own, my own sweet way around the world.“

Gesehen bei: Das Erste, 7.5.2012, 0:00 Uhr

R: Nicolette Krebitz, D 2007, mit Nina Hoss, Devid Striesow, Monika Bleibtreu u.a.

Bilder: © X Verleih AG

Nicht vielen guten Filmen ist es vergönnt, zur „prime time“ im Fernsehen ausgestrahlt zu werden. Viel Sehenswertes wird in die nächtlichen Stunden verbannt, wo es entweder gezielt oder nur durch Zufall entdeckt werden kann. Für diesen Fall ist unser „night watch“ (hier lang zu night watch #1!) von nun an zuständig. Wir halten Ausschau nach uns bisher unbekannten Filmperlen, die uns im besten Sinne vom Schlafen abgehalten haben.

2 thoughts on “night watch #2: Das Herz ist ein dunkler Wald (2007)

    • kritik ist immer nur dann hilfreich, wenn sie begründet und ausgeführt wird. so ist dein kommentar hier eher wertlos und vor allem eins: unbrauchbar, sorry.

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