Essay/REGIE

Quo vadis, Ghibli? – Ein Gedanke.

My Neighbour Totoro (Japan 1988, Regie: Hayao Miyazaki) (via)

Der Katzenbus öffnet seine Türen und befördert die Insassen zum Waldgeist Totoro. Währenddessen verteidigt Porco Rosso alias Marco Pagot die Adria gegen die Banditengruppe MAMMA AIUTO. Anderenorts wehren sich die metamorphischen Tanukis gegen die expandierende Industrialisierung der Menschheit. Die Hexe Kiki versucht sich derweil als Kurier. Und während Chihiro damit beschäftigt ist, den mystischen Bann, der über ihre Eltern verhängt wurde,  zu brechen, will der kleine Goldfisch Ponyo ein Mensch werden: Willkommen im (kleinen) Kosmos des Studio Ghibli!

Von Oliver Scheid

Geständnis vorweg: Ich liebe das Studio Ghibli! Das liegt nicht nur an den sympathischen Charakteren, den märchenhaften Szenarien, den traumhaften Kulissen oder den intelligenten Narrationen. Das Studio Ghibli motiviert vor allem durch seine unabdingbare Ehrlichkeit und Integrität.  Gekoppelt mit einem ausgereiften Animationshandwerk, ist das Resultat eine Genese von emotional-empathischen Kunstwerken – Kinokunst für Jung und Alt.

Hayao Miyazaki (* 5. Januar 1941) und Isao Takahata (* 29. Oktober 1935) wachsen in der turbulenten Nachkriegszeit in Japan auf. Während Takahata an der Tōkyō Universität sein Studium der Französischen Literatur – Paul Grimaults Le Roi et l’oiseau war ein prägender Film für ihn – abschließt, erlangt Miyazaki im Fachbereich Politik- und Wirtschaftswissenschaft der Gakushūin-Universität seinen Abschluss. Wie viele Japaner der Nachkriegszeit wurden sie vor allem von Mangas und Animes inspiriert. 1958 erscheint Hakujaden: Legend Of The White Serpent, Japans oft etikettierter erster Animationsfilm in Spielfilmlänge, auf dessen Fundament nicht zuletzt auch die Werke von Osamu Tezuka (Astro Boy, Kimba the White Lion, etc.) Anfang der 1960er eine wahre Popularitätswelle begründen. Auf diesem Filmmarkt kann sich die Produktionsstätte Tōei als wichtiger Repräsentant bewähren. Ein Studio, welches  sich ebenso auf Spielfilme wie auch auf Anime TV-Serien spezialisiert: Miyazaki und Takahata treten beide Tōei bei.

Hakujaden – The Tale of the White Serpent (Japan 1958; Regie: Taiji Yabushita, Kazuhiko Okabe) (via)

In der Gewerkschaft des Unternehmens treffen die beiden Protagonisten zum ersten Mal aufeinander und bilden fortan unter der Obhut ihres Mentors, Yasuo Ōtsuka, auch ein künstlerisches Team. Horus: Prince of the Sun (1968) wird Takahatas erster Feature-Film als Regisseur, zu dem er Miyazaki als Designer ins Boot holt. Obwohl der Film finanziell scheitert und beide schließlich das Tōei-Studio verlassen, halten Miyazaki und Takahata ihr kreatives Team weiterhin aufrecht.  Das Duo kann seine Fertigkeiten – mal gemeinschaftlich, mal individuell – im Laufe der Jahre in den unterschiedlichsten Fernseh- und Filmproduktion weiter verfeinern und optimieren.  Der Werdegang ist zwar weiterhin komplex und diffizil, doch das Ergebnis ist bekannt: Nausicaä of the Valley of the Wind (1984: Regie – Hayao Miyazaki / Produzent – Isao Takahata)  wird ein finanzieller und künstlerischer Erfolg. Im folgenden Jahr gründen Hayao Miyazaki, Isao Takahato und Toshio Suzuki das Studio Ghibli.

Als das Studio also 1985 seine Geburt feiert, können Miyazaki und Takahata bereits eine ereignisreiche Vorgeschichte und ausreichend Erfahrung im Animationsgenre aufweisen. Dieser Hintergrund führt zur genuinen Philosophie von Ghibli, die ihre Zeichner und Regisseure fördert, künstlerische Kreativität und Freiheit über kommerziellen Erfolg stellt, den Standort Japan favorisiert und ihre Mitarbeiter als Künstler behandelt – ein kompletter Gegensatz zur fabrikhaften Arbeit in den Tōei-Studios. Die Entwicklung von Ghibli lässt sich als beispielloser Erfolg in finanzieller als auch künstlerischer Hinsicht definieren: Das Unternehmen stellt inzwischen, abseits von Hollywood, das profitabelste Animationsstudio dar mit einer unerreichten Dominanz im Heimatland Japan. Vielmehr noch konnte  sich Ghibli aber auch im Westen durchsetzen, wo man immer noch – als wäre dies ein Stigmata – stellenweise auf eine vereinfachende und naive Betrachtungsweise des Animes trifft. Natürlich wirkt die Ghibli-Ästhetik gerade für Kinder anziehend, doch das lässt den universellen Kontext der Filme außer Acht. Verwegen ausgedrückt, verkörpert  Ghibli das derzeit trefflichste Animationsstudio (selbst das einflussreiche Pixar-Studio ist bekennender Ghibli-Fan)!

Princess Mononoke (Japan 1997, Regie: Hayao Miyazaki) (via)

Eine viel diskutablere Frage, die sich mir stellt, ist jedoch: Wie sieht die Zukunft für Ghibli aus? Die Trias Miyazaki-Takahata-Suzuki (Chefproduzent und quasi Manager des Konzerns) hat das  Ghibli-Projekt nicht nur gegründet und entwickelt, sie hat das Studio auch maßgeblich geprägt: die Filme Takahatas und Miyazakis auf künstlerisch-kreativer Ebene, Suzukis Organisation im finanziell-strukturellen Bereich.  Das Trio ist der dominanteste und (bisher) kohärenteste Faktor, der in jede Ghibli-Produktion involviert ist. Sie sind die Antriebsfeder, der Motor und das Herz des Studio Ghibli! Doch wie lange kann dieses Dreiergespann noch seine Rolle ausführen und erfüllen? Eine berechtigte Frage, wenn man sich vergegenwärtigt, dass Miyazaki und Takahata sich bereits in ihren 70ern befinden und auch Suzuki (* 19. August 1948) nicht mehr weit davon entfernt ist. Miyazaki kündigte bereits nach der intensiven Arbeit an Princess Mononoke (1997) an, dass dies sein letzter Film sein werde. Er kehrte jedoch für Spirited Away (2001), Howl’s Moving Castle (2004) und Ponyo on the Cliff by the Sea (2008) an den Regisseurstuhl zurück. Die Frage indes bleibt brisant, wer die Positionen der Ghibli-Trias adäquat ersetzen könnte.

Natürlich bemüht sich das Studio schon lange um neue Talente und fördert ihre Mitarbeiter in ihrer kreativen Expressivität. Das Studio Ghibli ist eine hervorragende Ausbildungsplattform für junge Animateure und Designer! Ein Blick in die Filmographie des Studios bestätigt dies und wartet mit einigen sehenswerten Werken von Ghibli-Eigengewächsen (z. B. Whisper of the Heart von Yoshifumi Kondō oder der relativ aktuelle Animefilm von Hiromasa Yonebayashi Arrietty) auf. Man darf jedoch nicht außer Acht lassen, dass Miyazaki-Takahata-Suzuki oft entscheidend in die Entstehungsprozesse dieser Filme eingreifen und sie beeinflussen. Eine Sonderstellung nimmt sicherlich Miyazakis Sohn Gorō ein, der inzwischen zwei Filme zum Ghibli-Kanon beisteuerte: Tales from Earthsea (2006) und From up on Poppy Hill (2011). Eine Kollation zwischen Vater und Sohn war unausweichlich und ebenso eindeutig war auch, dass der Sohn die utopischen Maßstäbe seines Vaters nicht erfüllen konnte. Das heißt nicht, dass Filme wie Tales from Earthsea schlecht sind, ganz im Gegenteil würde sich jedes andere Animationsstudio mit einem solchen Beitrag in ihrer Filmographie rühmen. Im Kanon des Studio Ghibli spielen die Filme von Gorō Miyazaki derweil aber nur eine sekundäre Rolle.

5 Centimeters per Second (Japan 2007, Regie: Makoto Shinkai) (via)

Ein weiterer Umstand, der mit dem vorausgegangen eng verwandt ist, offenbart sich, wenn einem bewusst wird, dass die prägnantesten und populärsten Ghibli-Filme allesamt aus der Feder von Miyazaki oder Takahata stammen. Jeder der einigermaßen mit der Ghibli-Filmographie vertraut ist, wird eher Assoziationen von den Charakteren und Protagonisten in den Animes Miyazakis haben oder sich an die realistischen Geschichten Takahatas erinnern. Filme wie Ocean Waves oder The Cat Returns nehmen eine eher untergeordnete Position ein und sind vielleicht nur eingefleischten Fans ein Begriff. Aber auch dieses Faktum ist nicht unbegründet. Schließlich waren es die Filme von Miyazaki und Takahata, die das Studio erst populär machten und das Unternehmen im Animationsbereich zu einer maßgeblichen Autorität werden ließ .

So komme ich schließlich wieder zurück zur Ausgangsfrage dieses Gedankens: Quo vadis, Ghibli? Aus finanzieller Hinsicht besteht derzeit für das Studio keine Besorgnis, denn die aktuellen Filme präsentieren immer noch einen beispiellosen Box-Office Erfolg (besonders in Japan). Doch genauso wie die Ghibli-Philosophie künstlerische Kreativität über finanziellen Erfolg stellt, macht mir vielmehr Sorge, wer die Nachfolge der Trias Miyazaki-Takahata-Suzuki antreten kann. Wer kann in die künstlerischen Fußstapfen dieser Ghibli-Ahnen treten? Ein Studio Ghibli ohne diese Persönlichkeiten ist für mich derzeit nicht denkbar! Darüber hinaus sind in den letzten Jahren bereits andere japanische Animestudios mit ihren Regisseuren bedrohlich gewachsen und präsentierten stellenweise hervorragende Werke in Konkurrenz zu Ghibli. Allen voran steht dabei die Reihe der „zweiten Miyazakis“: Makoto Shinkai (5 Centimeters Per Second) und Mamoru Hosoda (Summer Wars). Doch vielleicht ist auch alle Sorge unbegründet und die neue Generation wird das Studio in eine vernünftige Entwicklung und Produktion führen. Wann genau das Zepter jedoch abgegeben wird, bleibt fraglich, auf jeden Fall erwartet uns noch Takahatas nächstes Werk The Tale of the Bamboo Cutter. Das Erbe von Miyazaki-Takahata-Suzuki wird jedoch stets das Studio Ghibli prägen: Durch Miyazakis Totoro-Figur als Unternehmenslogo!

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One thought on “Quo vadis, Ghibli? – Ein Gedanke.

  1. Miyazaki und Takahata sind beide auf ihre Weise fantastische Filmemacher und gute Vorbilder – wobei Miyazaki bei eher fantastischen und Takahata bei realistischen Themen brilliert – aber sie sind nicht unverzichtbar. Vielleicht hat besonders Miyazaki trotz seiner Brillianz und Beliebtheit den Bogen überspannt und hätte schon früher dem Nachwuchs eine Chance geben sollen.

    Erst Yonebayashi gelang es, den Altmeister aus der Produktion herauszuhalten, so dass er seine eigene Sprache finden konnte. Vielleicht hätte das schon früher möglich sein können. So hatte Mamoru Hosoda an „Howl’s Moving Castle“ gearbeitet, und frühe Storyboards zeigen eine Welt, die der realen Gegenwart weit mehr ähneln schien als der Welt im fertigen Film, nachdem Miyazaki Hosoda vor die Tür gesetzt und das Projekt selbst übernommen hatte. Wäre der Film unter Hosoda wirklich so schlecht gewesen, wie Miyazaki dachte, oder war die Vision einfach eine andere?

    Und auch ein Film, der bei Ghibli als schwach gelten würde, übertrifft noch die meisten westlichen Animationsfilme, bei denen oft eine Handlung aus Fertigbauteilen mit reichlich teils infantilem „Humor“ verleimt wird. Aber welche Filme kommen nach Deutschland in die Kinos?😦

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