Kritik/REGIE/Retrospektive

Retrospektive #1: Irreparabele Schäden. Über Gaspar Noés „Irreversibel“ (2000)

Kontroverse Filme – und Gaspar Noés „Irreversibel“ gehört nicht erst seit seiner Aufnahme in die DVD-Kollektion „Kino kontrovers“ expressis verbis dazu – wecken bei dem Zuschauer zuweilen eine kindliche Neugier, sich das Schockierende nun doch mit eigenen Augen anzusehen. Das Bestürzende in „Irreversibel“ hat uns diesmal auch zu einem ungewöhnlichen Experiment veranlasst: Wir möchten auf illustrative Bilder verzichten. In den Vordergrund wollen wir die Erzählweise des Films rücken, denn seine sogartige Wirkung bezieht dieser nicht etwa durch die Summe seiner teils bedrückenden Bilder, sondern vielmehr durch ihre Verkettung.

Von Philipp Scheid

„Irreversibel“ ist ein schonungsloser Film, von dem im Vorfeld, auch ohne ihn je zuvor gesehen zu haben, wenigstens so viel bekannt sein könnte: Es geht um die Darstellung eines Rachemordes, ausgelöst durch die brutale Vergewaltigung einer jungen Frau – eine Konstellation von Ereignissen, die dem Film bei seiner Erstausstrahlung in den USA zu einer zweifelhaften Auszeichnung verhalf: „most walked-out-of movie oft the year“ (Newsweek). Was hierbei vielleicht vorschnell unter den Tisch gekehrt wird: „Irreversibel“ ist auch ein kongeniales Lehrstück in filmischem Erzählen. Die Geschichte, die sich zum größten Teil während einer verhängnisvollen Nacht abspielt, wird zunächst nicht chronologisch wiedergegeben. Der Rachefeldzug wird von hinten aufgerollt, die Ereignisse werden – und hierin wird der Horror noch potenziert – ohne zunächst ersichtliche Motivation vorgeführt: die fieberhafte Suche nach dem Täter in der roten Unterwelt eines sadomasochistischen Schwulenclubs, die Entdeckung des zerschundenen, missbrauchten Körpers der Freundin, der Akt der Vergewaltigung, die Party davor, die gemeinsamen Liebesspiele mit dem Freund bis hin zu den hell erleuchteten, im Gegensatz zur Finsternis der Nacht stehenden, ja geradezu unbekümmerten Tagen im Freien. Die Hauptperson Alex (Monica Belucci), das Opfer des späteren Gewaltverbrechens, wird hier zuletzt in einem Park gezeigt. Allenfalls eine gewisse Nachdenklichkeit über die Lektüre, der sie sich widmet, scheint sich in ihrem Gesichtsausdruck abzuzeichnen. Indessen besitzt allein der Zuschauer das Wissen eines Schicksalsgottes, denn nur er weiß um ihre grausige Zukunft.

Die Kamera von Benoît Debie hat besonderen Anteil an der filmischen Erzählform. Schritt für Schritt schwingt sie sich zurück in die Vergangenheit, gleichsam ohne sichtbaren Schnitt, so dass die Handlung nahtlos in das Vorhergehende überleitet, sie mit dem Schicksalhaften verschweißt. Die Kamera in „Irreversibel“ kann im wahrsten Sinne als subjektiv bezeichnet werden, eine „entfesselte Kamera“, schwebend, sich drehend und überschlagend, geradeso wie das Innere des von Rachegelüsten angestachelten Marcus (Vincent Cassel), Alex‘ Freund, der im Gefühlsrausch nur noch auf Vergeltung sinnt. Seit Abel Gances’ „Das Rad“ („La Roue“, 1923) – unschwer vorstellbar, dass Noé diesen Klassiker kannte – ist die innere Zerissenheit und Raserei einer Hauptperson auf so beeindruckende Weise filmisch umgesetzt worden. Noé geht jedoch noch einen Schritt weiter: Er unterlegt die Szenen im Schwulenclub mit einer zutiefst verstörenden Tonspur, die das Premierepublikum in Cannes reihenweise in Schwindel versetzte. Je näher das innere Auge der Kamera und die Erzählung jedoch ihrem Ausgangspunkt entgegenstreben, desto mehr kommen die achterbahnartigen Kamerafahrten zur Ruhe. Das Ende des Films schließt in seiner letzten Einstellung mit einer Schlussmoral ab, die konsequenterweise als Anfangszitat gemeint ist: „Le temps detruit tout“ – Die Zeit zerstört alles. Diese fatalistische Sentenz trifft nicht nur auf Noés Umgang mit dem filmimmanenten Gefüge von Zeit und Raum überein, das er förmlich zertrümmert. Es ist auch ein allgemeiner Kommentar zur Geschichte. Das Schicksal zerstört alles; es zerstört das makellos schöne, attraktive Antlitz von Alex und es zertrümmert mit einem Feuerlöscher – die Kamera schaut niemals weg! – die Visage des vermeintlichen Täters (eine Verwechslung, wie sich hinterher herausstellt).

Gaspar Noé erzählt in „Irreversible“ aber auch vom Schrecken am Rande der Geschichte. Was ist beispielsweise mit jenem ungeheuerlichen Moment des Films, in dem eine verschwommene Silhouette im Hintergrund der Unterführung auftaucht und heimlich Zeuge der Vergewaltigung wird ohne jedoch einzuschreiten und schlimmeres zu verhindern? Was ist mit jenen geldgierigen Revierganoven, die Marcus und Pierre (Albert Dupontel), dem Ex-Freund von Alex, zischelnd und säuselnd die Idee der Lynchjustiz erst einpflanzen? Der Film jedoch verliert sich nicht in der Demonstration von Gewalt. Er stellt einen kühnen Vorstoß in die Abgründe der menschlichen Seele dar. Auch über das Thema Schicksal und Vorherbestimmung trifft der Film eine Aussage: „Die Zukunft steht fest, und alles ist schon da“, zitiert Alex einmal eine Stelle aus einem Buch. Und sie setzt nach: „[…] der einzige Beweis dafür sind prophetische Träume“. Gerade dieser Aspekt wird in der Retrospektive der Ereignisse besonders deutlich – Noés französischer Regiekollege Francois Ozon wird drei Jahre später in „5×2“ (2004) diesen Montageeffekt zur Schilderung einer gescheiterten Ehe wieder aufgreifen.

Mit einer großartigen Metapher schließt der Film seine Zeitreise ab. Die Kamera kreist zu Beethovens schicksalsträchtiger 7. Symphonie über den Rasensprenger im eingangs beschriebenen Park als folge sie dem Lauf einer imaginären Roulettekugel. Wir allein wissen, wo sie landet: rien ne va plus – nichts geht mehr.

Irreversibel (Irréversible), F 2001, Regie u. Drehbuch: Gaspar Noé, Kamera: Benoît Debie, mit Monica Bellucci, Vincent Cassel, Albert Dupontel u. a.

Bilder: © Alamode Film

 

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