(Film-)Stillleben/KAMERA

(Film)Stillleben #1: Please come knocking, Mr. Hopper!

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Eine Frau sitzt kauernd auf einem Bett. Gedankenversunken richtet sie ihren Blick auf das geöffnete Fenster, ihr gegenüber. Der Fensterrahmen gibt den Blick frei auf ein längliches Gebäude, welches zu einer anonymen Stadtkulisse gehört. Die Morgensonne taucht den Raum in ein kaltes Licht und zeigt uns das Zimmer, in dem sich die Frau befindet: ein kahler, unmöblierter Innenraum. Sie ist allein.

Was sich wie die Regieanweisungen in einem Filmskript anhört, ist in Wahrheit die Beschreibung eines Gemäldes: „Morning Sun“, 1952 von dem amerikanischen Maler Edward Hopper geschaffen. Es unterstreicht, was wir schon immer zu wissen glaubten, dass nämlich der Künstler, wie niemand anderer, ein filmisches Auge besaß. Und tatsächlich ist Hopper ja im Amerika der glorreichen Stummfilmzeit groß geworden. Immer wieder stellen Kinos, Varieté-Shows und Theater den Raum seiner Bildwelten dar. In raffinierten Ausschnitten fokussiert er zumeist Individuen in intimen Momenten der Einsamkeit. Sie sind voll von offenen Fragen und voll von einem erzählerischen Hintergrund, den der Betrachter nicht sieht, ihn aber nur zu gerne erfahren würde. Vielleicht ist dieser neuartige Blick auf die Lebenswelt der amerikanischen Gesellschaft einer der Gründe dafür, dass sein Werk wieder auf den Film zurückgestrahlt hat.

Einer dieser Regisseure, die nun mit einem malerischen Blick ans Werk gingen, ist sicherlich Wim Wenders. Wenders, der seit 1977 in den USA lebt und arbeitet, muss sich anfangs mit eben diesen Bildern des Malers identifiziert haben, spiegelten sie doch mit Sicherheit die Perspektiven wider, die er selbst als Europäer dem Land entgegenbrachte. Der Regisseur hatte in einem Zeitungsbericht auch keinen Hehl aus der Begeisterung für Hopper gemacht. Ein dicker Bilderband hätte die Dreharbeiten zu seiner Krimiadaption „Der amerikanische Freund“ (1977) begleitet und viele Einstellungen des Films beeinflusst.

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Als dann vor fünf Jahren wieder ein neuer Wenders in die Kinos kam („Don’t Come Knocking“), nur echt gedreht inmitten einer amerikanischen Kleinstadt des mittleren Westens, in dessen Straßenkulissen das Antlitz der Hopperzeit unbeschadet konserviert worden war, da grinste uns doch überall auf den Filmplakaten ein Motiv entgegen, das diesmal nicht durchschaubarer hätte sein können. Schauspieler Sam Shepard lehnt als alternder Westernstar an einer Laterne in ebenjenem besagten Straßenzug. Am rechten Bildrand ist noch eine Häuserecke mit einem Ladenlokal zu sehen. Es ist derselbe Blickstandpunkt wie auf Hoppers berühmten Bild „Nighthawks“ von 1942. Nur, dass eben hier die besagten Nachtschwärmer verschwunden sind und die Bar sich stattdessen in ein Geschäft verwandelt hat. Seine Arbeit zu „Don’t Come Knocking“ hat Wenders, der sich neben dem Film auch mit der Fotografie beschäftigt, auch in einem großen Fotoband dokumentiert. Es ist eine offenkundige Hommage an die Bildszenen aus Hoppers Gemälden, die er durch die standbildhaften Fotos wieder ein bisschen in Malerei überführt hat.

Don’t come knocking, Wim Wenders, Deutschland 2005, u.a. mit Sam Shepard, Jessica Lange, Tim Roth

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