Interview/REGIE/TON

Binders Reise zum Mars: Ein Interview

In den 20er Jahren arbeitete Multikünstler Walter Dexel an einem Drehbuch mit dem Titel „Mars“, welches jedoch niemals realisiert wurde. Knapp 90 Jahre später fiel dieses Drehbuch nicht ganz zufällig in die Hände des Bauhaus-Studenten Sebastian Binder. – Der Startschuss für eine komplizierte und nicht ganz ungefährliche Mission in die weite Welt von Spezial-Effekten, Green-Screens, Gipsbergen und 3D-Raumschiffen. Nach einem tapferen Jahr voll Schmutz und Schweiß war es schließlich vollbracht: Ein Professor der Astronomie, eine junge Schauspielerin und ein Pilot fliegen mit einem neu entwickelten Flugschiff auf den Planeten Mars, die Band Maren Montauk liefert ihnen den passenden Soundtrack. Eine beeindruckende Reise in eine völlig unbekanntes Terrain beginnt und soll nicht ganz ohne Folgen bleiben…

Was hat dich für diese Mission qualifiziert?
Die 50er und 60er Jahre und ihre Zukunftsvisionen. Das war immer meine Leidenschaft. Die Konzeptzeichnungen von Autos, von Städten und technischen Errungenschaften. Wie man sich damals vorgestellt hat, was Computer und Roboter alles machen könnten…Ich hatte als BA-Arbeit auch schon ein Musikvideo gemacht, das aber in den 60er Jahren gespielt hat. Ein bisschen im Stil der James Bond- und Doris Day-Filme.

Und wie bist du dann an das Projekt gekommen?
Zufall! Der Kunstverein Jena hatte zum 90-jährigen Bauhaus-Bestehen eine Ausstellung zu diesem Entwurf von Walter Dexel geplant. Dafür wollten sie eben auch, dass dieses Buch jetzt endlich mal verfilmt wird. Und Professor Kissel, mein betreuender Professor, hat mich dann gefragt, weil ich schon immer angedeutet hab, dass ich Science Fiction sehr mag und auch viel mit Special Effects mache. Es gab dann lange Diskussionen, wie man das dann realisieren könnte.

Wie ausführlich war der Drehbuch-Entwurf von Walter Dexel?
15 Seiten lang und 15 Zeichnungen dazu, die allerdings nur die Mars-Stadt und ihre Bewohner skizziert haben. Alles drumherum
mussten wir uns quasi ausdenken. Wie sieht die Erde aus? Die Menschen? Mir war es da sehr wichtig, dass ich einen Kontrast
schaffe. Dass ich zeige: Wir haben hier Menschen aus einer vergangenen Zeit, die auf einen futuristischen Planeten fliegen.

Besondere Momente während des Drehs?
Das alles hat fast ein Jahr gdauert. Aber wir haben zum Beispiel lange gesucht, um Steine zu finden, die wie vom Mars aussehen. Haha, das klingt total blöd, aber waren wir dann in verschiedenen Baumärkten. Alle zu glattgelutscht! Die sahen nie aus wie die auf dem Mars! Ich hab die Krise bekommen! Aber dann haben wir eine Woche vor Dreharbeiten eine Baustelle gefunden. Und die hatten genau diese Steine! Wir sins dann nachts dahinund haben erstmal eimerweise Steine geklaut. Es war einfach viel improvisiert. Wir sind dann auch auf eine Mülldeponie gefahren. Und die haben uns erstmal zusammengeschissen, dass wir da nicht einfach hindürfen. Wir haben da halt schön zwischen Batteriesäure und Metallresten rumgesucht. Das war total super! Da hat der kindliche Spieltrieb noch mal so richtig eingesetzt.

Und der allererste Schritt?
Ist das eine Komödie? Ein Liebesabenteuer? Oder ein Science Fiction-Film? Ein Kunstfilm? Was macht man wirklich? Das musste zu Anfang geklärt werden. Da hatten wir dann ein Treffen mit dem Enkel Walter Dexels und da wurde viel diskutiert, inwieweit man das Original verändern darf und wie man es überhaupt realisieren kann. Es war einfach so schwierig, es allen recht zu machen. Und einen Stummfilm einfach nachmachen, das wollte ich auch nicht. Deswegen ist die Ästhetik eben so vermischt. Und da habe ich mich eben entschlossen, einen Musikclip zu machen.

Einen Musikclip, weil…?
…ein Musikclip ja einem Stummfilm sehr ähnlich ist. Die waren ja in der Regel auch musikuntermalt. Ich dachte mir einfach, es ist die beste Form, um einen Stummfilm zu realisieren. Und man kann dem Film durch die moderne Musik auch einen modernen Look verschaffen.

Also wurde das Lied dann in Abstimmung auf den Clip produziert?
Welche Atmosphäre, welches Tempo, welche Botschaft? Ich habe Ihnen im Prinzip immer erklärt, was ich haben will. Und dann ist alles parallel abgelaufen. Ich hatte schon vorher ein bisschen die Stimmung und das Tempo vorgegeben. Ein, zwei Wochen vor Dreharbeiten hat die Band Maren Montauk dann angefangen zu komponieren. Die haben mir dann quasi ein Layout gegeben, damit wir vom Takt einigermaßen gleich sind. Ich habe dann alles auf dieses Layout zurechtgeschnitten und im Nachhinein wurde alles richtig aufgenommen. Ich habe bei diesem Film wirklich gelernt, was es heisst, Rhythmus und Zeit einzuschätzen. Und das Wichtige war einfach, dass es modern klingt und gleichzeitig ein Gefühl von damals vermittelt.

Was war die Inspiration für den gesamten Look?
Steam-Punk! Ein literarisches Genre, das davon ausgeht, dass sich Anfang des 20. Jahrhunderts die Maschinen nicht mit Elektronik
weiterentwickelt haben, sondern mit Dampf, Blitzen und so weiter. Man sieht dann eben auch die Nieten am Raumschiff, die Technik wird nicht versteckt hinter einem schönen Design.

Wie kam es überhaupt zu dem Ansatz, einen „Retro-Science-Fiction-Musik-Clip“ zu gestalten?
Er tut so! Aber der Clip sieht doch gar nicht so alt aus, man denkt das nur! (lacht) Wenn man den jetzt mit einem Fritz Lang-Film vergleicht, dann sieht der natürlich überhaupt nicht so aus. Das kommt ja auch schon daher, dass das Bild sehr digital aussieht…Tricktechnisch ist unser Film aber natürlich viel aufwändiger und zeitgenössischer. Wir haben es eben auch als Hommage auf Walter Dexel und diese Ästhetik gesehen. Dass wir eben schauen, dass wir von einer Tradition, von einer Technik ausgehen, die er damals zur Verfügung hatte und wie er sich das vorgestellt hat. „Unmodern“ sind allerdings die farbigen Augen der Marsianer, während alles andere schwarz-weiß ist. In den 20er Jahren waren ja 80% der Filme farbig. Damit wollte ich die Marsianer ein bisschen besonderer machen. Die schienen ihm auch sehr wichtig gewesen zu sein.

Zur Zeit sind wieder einige Science-Fiction-Produktionen im Kino zu sehen…
„Moon“ fand ich sehr gut! Auch, dass alles wieder ein bisschen philosophischer wurde. Ansonsten gibt es ja jetzt gerade sehr wenig
Science Fiction. Und wenn, dann ist der Film immer unter so einem Deckmantel. Das sind dann eher Actionfilme. Wenn dann Aliens kommen oder was Neues entdeckt wird, eine Gesellschaft erklärt wird, das hat für mich nicht immer so richtig etwas mit Science Fiction zu tun. Das hat man ja auch bei Star Trek total gemerkt, wie dann die Politik mit reingespielt hat. Da gab es auf einmal eine Schwarze, man hat versucht, verschiedene Kulturen zu vereinen. Und dann kam Captain Picart und der hat dann plötzlich ganz philosophisch nachgedacht. Da durften auch keine zwei Leute für eine größere Menschenmenge sterben. Und in der Bush-Regierung wurde auf einmal nur noch geballert. Da sind wir heute auch noch. Es wird nicht mehr nachgedacht, was ja eigentlich immer das Schöne an Science Fiction war. Wo man philosophischer werden kann.

Der beste Science Fiction-Film ist…
2001! Den muss man öfters gesehen haben! Der hat mich sehr fasziniert. Da könnten auch einige Szenen Kurzfilme sein. Und dann dieser Stil, diese Bilder. Als Kind habe ich immer Star Trek geguckt. Ich war zwar kein Trekki, aber mich hat an Star Wars so abgestoßen, dass alles so fantasymäßig war. Da konnte man sich nicht vorstellen, dass es mal so wird. Ich bin aber eigentlich enttäuscht, dass es so wenig Filme gibt.

Dann liegt es jetzt wohl an dir, eine noch größere Reise anzutreten und das zu ändern…
Auf jeden Fall! Mich wundert es tatsächlich, dass noch keiner einen 60er-Jahre-Science-Fiction-Film gemacht hat. Das wäre dann mein Bestreben. Oder ein großer Steampunk- Film. Das wäre auch eine Option, wenn ich dann irgendwann die Mittel dazu habe. Ich konzentriere mich jetzt erstmal auf Regie und Dramaturgie. Da bin ich auch ein ganz guter Typ für, hat man mir gesagt!

Hier könnt ihr den gesamten Clip sehen!

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