Kritik/REGIE

Das Chaos in uns. Oder: Apocalypse, please! Lars von Triers „Melancholia“

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Es regnet tote Vögel vom Himmel. Dann öffnet sie die Augen und ihr Blick ist irgendwie leer, irgendwie zornig und auch irgendwie müde. Müde vom Leben. Das blonde Haar, strähnig und nass, umrahmt die blassblaue Haut. Alles bewegt sich in Zeitlupe, so, als wollte man es noch ein bisschen hinauszögern. Da rast ein leuchtender Planet auf die Erde zu und niemand schiebt sie zur Seite. Wagners Ouvertüre aus Tristan und Isolde ist jetzt auf dem Höhepunkt. Und dann ist alles strahlend hell, dann tief düster und ganz still. Hier geht gerade die Welt unter. Und wir, wir sind mittendrin.

von Ann-Christin Eikenbusch

Es braucht nur ein Bisschen, eine Kleinigkeit, um die Ordnung in ein Chaos zu stürzen. Die überlange Limousine auf dem kurvenreichen Feldweg, die das Brautpaar nicht rechtzeitig zur Feier bringt. Die überforderte Braut, die während des Tortenanschnitts gerade ein Bad nimmt oder die hochzeitsfeindliche Mutter, die jeden Toast mit sarkastischen Kommentaren untermalt. Schon die Hochzeit ist dem Untergang geweiht. Claire (Charlotte Gainsbourg) ärgert das. Zusammen mit ihrem reichen Ehemann hat sie diese Hochzeit organisiert. Sie und Justine (Kirsten Dunst), die Braut, sind Schwestern. Sie verbindet zwei Elternteile, einige Gene und derselbe Stammbaum. Und so sind wir bereits am Ende der Liste mit den Gemeinsamkeiten angekommen. „Wie ich dich manchmal hasse, Justine.“

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Justine nämlich ist anders. Während Claire so ziemlich alles geplant und jede Minute im Ablauf festgeschrieben hatte, ist es Justine, die sich aufgrund ihrer Depressionen einfach nicht auf dieses eigentlich freudige Spektakel einlassen kann. Der Brautstrauß, der über die nächste Braut im Bekanntenkreis entscheiden soll. Die Hochzeitstorte, die unbedingt gemeinsam vom Brautpaar angeschnitten werden muss. Sogar die Hochzeitsnacht, auf die ihr Ehemann nach der Feier so sehr drängt. All die Rituale sind ihr zuwider. Sie will ihre Ruhe, will allein sein mit sich und der Welt. Justine ist das Chaos. Das Chaos, das die Ordnung ihrer eigenen Hochzeit, ihrer eigenen Ehe zerstört. Und sie hat einen Mitstreiter. „Was ist das da für ein roter Stern?“ Während die Hochzeit nach und nach außer Plan gerät, wird auch die Erde und damit ihre Bewohner von etwas aus der Bahn geworfen, das sich vor den Blicken anderer eigentlich gut zu verstecken wusste. Der Planet Melancholia bewegt sich immer weiter in Richtung Erde. Faszination und Angst zugleich. Wie Melancholia den Menschen mit Hilfe ihrer Unsichtbarkeit eigentlich keine Probleme bereitet, so versucht auch Justine ihre Depression am Tag ihrer Hochzeit verdeckt zu halten. Dann wird sie getroffen, bricht in sich zusammen. Justine ist Melancholia. Und dann wird aus dem Bisschen, aus der Kleinigkeit etwas ganz Großes. Unberechenbar.  „Das ist ein Planet, der hinter der Sonne versteckt war. Und jetzt fliegt er an uns vorbei.“

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Ein warmes Bad wird zur Qual, ihr geliebter Hackbraten zu Müll in der Tonne, das Leben zur Tortur. Und auch Claire erscheint der Alltag unter dem sich nähernden Planeten immer schwerer. Sie hat Angst vor dem, was da kommt. Ihr Mann John (Kiefer Sutherland) versucht die Angst in Faszination zu verwandeln, sitzt mit ihrem gemeinsamen Sohn vor dem Teleskop und beobachtet begeistert die täglichen Bewegungen Melancholias. „Ich habe Angst vor diesem blöden Planeten.“ – „Er wird uns nicht treffen.“ – „Versprochen?“ Tatsächlich trifft er sie am geplanten Tag des Geschehens nicht. Claires Leben ist jetzt dennoch ein anderes. Je mehr Melancholia und damit das Ende der Welt sich ebendieser nähert, desto gelähmter wird sie. Justine aber ist plötzlich so klar und frei wie nie zuvor. Denn Melancholia kommt zurück. Melancholia hat sie nicht verlassen. „Die Welt ist böse. Keiner wird uns je vermissen.“

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Dann ist der Anfang wieder das Ende. Aufgeteilt in eigentlich zwei Akte „Justine“ und „Claire“, ist es der Vorspann, das Ende der Welt, das ungenannt den dritten Akt bildet und so den Namen „Melancholia“ tragen müsste. Hier geht es weiter. Schnee, Hagel und Insekten, die sich ihren Weg aus dem Inneren an das Äußere der Erde bahnen. Melancholia gegen die Erde. Das Chaos gegen die Ordnung. Dann ist alles ganz weiß und dann ganz schwarz. Es ist vorbei. Erlösung.

Lars von Trier vereint in „Melancholia“ mit Liebe und Hass, Faszination und Angst, vor allem aber Ordnung und Chaos die wohl größten Gegensätze, die das Leben birgt. Gegensätze, die sich anziehen und abstoßen. – Und schafft damit ein zugleich beklemmendes und befreiendes Drama, in dem einmal nicht nur zwischenmenschliche Konstellationen ins Wanken geraten. Lars von Trier zeigt uns das Chaos in uns selbst. Denn „Melancholia“ ist nicht nur ein Endzeitdrama, weil es um den Weltuntergang geht. Weil große Planeten auf die Erde rasen und einem bewusst wird, dass man doch nur ein ganz kleiner Teil im großen Ganzen ist. Vielmehr geht es um eine Gesellschaft, die selbst auf die Apokalypse zusteuert. Der Planet als Symbol dafür, dass es gar nicht so unbedeutend, gar nicht so klein und unwichtig ist, was da manchmal in jedem von uns passieren kann, sobald man sich in zu feste Ordnungen begibt. In zu feste Ordnungen gedrängt wird. Sobald die Schnüre so fest gezogen werden, dass das Atmen immer schwerer fällt. Dass sie dich beim Gehen hindern, weil sie sich um deine Beine geschlungen haben. Dann sucht es sich einen anderen Weg. „Mum, ich habe Angst. Ich habe Schwierigkeit, richtig zu gehen.“ – „Aber du kannst doch noch wanken, Justine.“

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Vereint wird jedoch noch viel mehr: Als Mitbegründer des Manifests Dogma 95 verschrieb sich Lars von Trier zu Anfang der – wie schon zur Nouvelle Vague oder dem Oberhausener Manifest – absolut realistischen Darstellung im Film, die sich vornehmlich durch die Kameraführung mit der Hand, dem strikten Einsatz natürlichen Lichts oder auch dem Verzicht von Spezialeffekten und Filtern auszeichnet. Mit „Antichrist“, seinem vorletzten, extrem kontrovers besprochenen Film, sollten diese Prinzipien jedoch nicht mehr vollkommen eingehalten werden: Künstliches Licht, Farbfilter und Zeitlupen dominierten in der Ästhetik und setzten sich somit vom Minimalismus seiner Vorgänger deutlich ab. Mit „Melancholia“ jedoch findet Lars von Trier einen Mittelweg und kombiniert Stilelemente der Dogma 95 mit denen seiner scheinbar aktuellen Linie. „Melancholia“ verbindet die wackelige Handkamera mit Standbildern und extremer Zeitlupe, verwendet in der Postproduktion Farbfilter und Farbsättigungen und setzt vor allem im Vorspann auf eine dramatische Musikuntermalung des Geschehens: Hier wird der Weltuntergang mit der Ouvertüre aus Wagners Tristan und Isolde eingeleitet. Die Mischung aus extrem theatralischer, pathetischer und dramatischer und wiederum natürlicher, schonungsloser und sprunghafter, ja fast elliptischer Kameraführung ist es, die diesen Film in seiner Ästhetik und Wirkung so besonders macht. So erinnern die bösen Szenen während der Hochzeitsfeier auch ganz bestimmt nicht zufällig an die des Dogma 95-Manifest-Films „Das Fest“ von Thomas Vinterberg.

Auch diesmal bedient sich der Däne einiger weiterer Zitate und Metaphern aus Kunst, Religion, Psychologie und Mythologie. So sind es neben den immer wiederkehrenden Motiven für die Gegensätzlichkeiten des Lebens vor allem die einprägsamen Kunstwerke, die er im Laufe des Films – mal mehr, mal weniger auffällig – präsentiert. Anstelle ein paar aufgeschlagener Seiten, auf denen die konstruktivistische Kunst Malevitschs (die man mit den Attributen Rationalität, Berechnung, Modernität durchaus in Verbindung bringen könnte) zu sehen sind, tauscht Justine am Abend ihrer Hochzeit in der Bibliothek die Präsentationsflächen durch einige andere: Caravaggios „David und Goliath“, Boschs „Weltgerichtstriptychon“ und vor allem John Everett Millais „Ophelia“ (nach der gleichnamigen Figur aus Shakespeares „Hamlet“), das durch Kirsten Dunst während der Apokalypse  wie in einem Tableau Vivant eins zu eins nachgestellt wird: Die perfekt geschmückte Braut in einem von Pflanzen gerahmten Flussbett dem Tod entgegen treibend.

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So schön kann das Ende also aussehen. Wenn es soweit ist, dann wünsche auch ich mir diesen so verwirrenden aber großartigen Dänen herbei, der dann ein bisschen in die Gestaltung eingreift. In solch einer Schönheit lässt es sich doch versöhnlich Abschied nehmen. Apocalypse, please. Apocalypse made by Lars von Trier.

Melancholia, DK/SE/F/DE 2011, Regie: Lars von Trier, Drehbuch: Lars von Trier, Kamera: Manuel Alberto Claro, mit Kirsten Dunst, Charlotte Gainsbourg, Alexander Skarsgård, Kiefer Sutherland u.a.

Bilder: © Concorde Filmverleih

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