Kritik/REGIE

Bonjour tristesse: Andrea Arnolds „Fish Tank“

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„Schlampe“, „Wixer“, „Fotze“. Eine gekonnte Kopfnuss und ein gebrochenes Nasenbein folgen. Was wie ein Gangster-Rapper-Drama aus der Bronx beginnt, ist in Wahrheit eine bedrückende Milieustudie über das Leben in einem britischen Vorort. Die Worte kommen aus Mias Mund. Sie ist wütend. Unberechenbar wütend. Auf sich selbst und auf ihre Mutter. Auf die Mädchen im Hof und auf ihre Schwester. Besonders aber ist sie wütend auf das Leben. Das Leben ist die eigentliche Schlampe. Und „Fish Tank“ von Andrea Arnold ist ihre Geschichte, die im letzten Jahr den Großen Preis der Jury von Cannes gewann. Bonjour tristesse!

von Ann-Christin Eikenbusch

 

Mia ist 15 und lebt zusammen mit Mutter und Schwester in einer Sozialwohnung. Sie liebt das Tanzen. Es ist das einzige, das sie von Provokationen und Schlägereien fern zu halten scheint. Wenn sie tanzt, ist sie woanders. Weit weg von der hässlichen Betonlandschaft, das sich ihr Zuhause nennt. Das, was man eigentlich als Familie bezeichnen sollte, ähnelt eher dem Zusammenleben einer Wohngemeinschaft. Jeder macht sein eigenes Ding. Die Mutter feiert wilde Parties, ist ständig besoffen und die Männer wechselt sie wie ihre knappen Unterhöschen. Die kleine Schwester Tylor, schätzungsweise 7, lässt sich von der Sonne eine proletische Bräune aufmalen und scheint besonderen Gefallen an dem Gebrauch des Wortes „Nutte“ zu finden. Mia sticht heraus. Zwar ist auch sie kein Kind von Traurigkeit, doch sie scheint für sich selbst ein anderes Leben anzustreben. Die Spielzeuge in ihrem Kinderzimmer als Reliquien einer vergangenen, vielleicht sogar besseren Zeit. Als Connor, der One-Night-Stand ihrer Mutter, plötzlich fest in das Leben der „Familie“ tritt, gleicht es einer Reise ins Paradies. – Und endet wie üblich in einer Sackgasse. Die Kamera ist dabei niemals wertend, sie dokumentiert das Geschehen kommentarlos. Unverblümt und real. So wackelig ihre Bilder sind, so wackelig sind auch die Beine, auf denen das Mädchen steht.

„Fish Tank“ bietet kein richtiges Happy End. Echte Helden und erhellende Hoffnungsschimmer schon gar nicht. Doch „Fish Tank“ zeigt den Versuch einer Anti-Heldin, aus der Kleinstadt-Hässlichkeit auszubrechen und das Aquarium, das sich ihr Leben nennt, zu verlassen. Dass dafür einiges zu Bruch gehen muss, wird in Kauf genommen. Scherben sollen doch Glück bringen. Und Glück hat sie bitter nötig. Au revoir tristesse! Auf Nimmerwiedersehen.

Fish Tank, GB 2009, Regie: Andrea Arnolds, Drehbuch: Andrea Arnolds, Kamera: Robbie Ryan, mit Katie Jarvis, Michael Fassbender u.a.

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